Die Avantgarde feiert ganz jugendlich ihre Siebziger

NORBERT MAYER (Die Presse)

Bei der Lektüre der neuesten „Manuskripte“ zeigt ein Rückblick, wie viel Substanz die Literaturpflege dort hat und dass sie neugierig bleiben.

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Endlich, nachdem ich das Ende des Kalenderzyklus der Maya fast ohne seelische Schrammen überstanden und danach sogar noch ein passendes Weihnachtsgeschenk für die Gattin erstanden habe (nein, nicht den neuen illustrierten Maya-Kalender für die nächste Flut), kann ich mich vor dem Anzünden der vierten Kerze in meinen Tropenholzsessel aus Yucatán lehnen und noch vor dem feiertäglichen Abschluss der Gegengift-Redaktion schön Geistiges lesen.

Mein Auge fällt auf die neue Ausgabe der seit 52 Jahren erscheinenden Literaturzeitschrift „Manuskripte“, die mir aus Graz zugeschickt wurde. Sie macht mich traurig, weil darin gemeldet wird, dass Alfred Kolleritschs Mitherausgeber Günter Waldorf im Herbst gestorben ist, der so wichtig für die Avantgarde in Österreich und besonders für das Forum Stadtpark war.

Ich wundere mich nun nicht mehr, dass in dieser Nummer 198 der „Manuskripte“ der schöngeistige Dränger Peter Handke inzwischen auch schon als Siebzigjähriger gefeiert wird. Denn das hat man seit dem Hochsommer in Dutzenden Gazetten, Postillen, Interview-Bänden, Jubelberichten und sogar in Invektiven verkündet. Auch weiß ich mit den Jahren, dass heute schon Träumer 70 werden, die bis vor Kurzem nicht einmal 30-Jährigen getraut haben.

Aber einer hat mich in der Zeitschrift aus Südost doch mit Erreichen dieses Alters überrascht: Klaus Hoffer ist 70! Das gibt es doch nicht! Erst gestern war Hoffer einer der jungen Autoren, die zu den kühnsten Hoffnungen Anlass gaben. Sein Roman „Bei den Bieresch“ mit den zwei Bänden „Halbwegs“ und „Der große Potlatsch“ wurde und wird zu Recht gepriesen. Aber Hoffers Werk blieb schmal. Vielleicht zähle ich ihn deshalb noch immer zu den Jungen, während Handke allein wegen der Fülle seiner Publikationen nicht nur bei jungen Lesern immer schon das Gefühl der Reife erzeugt hat.

Die Briefwechsel, die in den „Manuskripten“ dokumentiert werden, all die Würdigungen für die Jubilare zeigen eine intensive Literaturpflege. Wo sonst kann man eine poetische Liebeserklärung an Handke wie jene von Friederike Mayröcker lesen? Bevor ich aber wirklich sentimental werde, blättere ich rasch weiter, und was finde ich: Dietmar Krug, der bei uns hier ganz in der Nähe des Gegengiftes die heikle Aufgabe hat, über die Deutschen zu räsonieren, hat einen Roman geschrieben: „21. Mehr Freiheit“ heißt der Auszug daraus im Fachblatt aus Graz. So beginnen schöne Karrieren. Jetzt bin ich froh, dass bei so viel Rückblick auch noch Platz für ein wenig Ausblick blieb. Bis 70 ist noch massig Zeit.


E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

 
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