„Fiskalklippe“ ist ein böses und ordinäres Wort

Die Römer verwendeten noch geflochtene Körbe, um Gelder für den Kaiser einzuziehen. So bescheiden sind Kämmerer heute nicht mehr.

Der hässlichste Begriff des bald schon abgelaufenen Jahres, der in Europa um sich gegriffen hat wie eine Pandemie, war Fiskalpakt. Er verspricht Umsicht, und glaubt man dem früheren EZB-Chef Jean-Claude Trichet, der schon 2007 von der Fiskalunion geschwärmt hat, ist solch ein Stabilität vortäuschender Fiskalpakt unumgänglich, um die Finanztechniker Europas glücklich und die übrigen Leute ärmer zu machen. Schön ist das Wort trotzdem nicht.

Das war 2012. Im neuen Jahr aber werden uns die Steuereintreiber aus den USA demonstrieren, dass nicht allein die Europäische Union fähig ist, vulgär zu reden: Amerika steht am Rande einer Fiskalklippe. Die ist so bedrohlich, dass der US-Präsident sogar seine Familie spontan auf Hawaii zurückließ, um den Sprung in den ökonomischen Abgrund zu verhindern – oder zumindest hinauszuzögern. Einigen sich Kongress und Administration bis Neujahr nicht auf die mittelfristige Sanierung des Budgets, werden Steuererleichterungen und Stützen rigoros gestrichen. Mit 16.400.000.000.000 US-Dollar hat das Land die derzeit maximal erlaubte Höhe an Schulden erreicht. Jetzt muss wieder getrickst werden, damit der Umstand so wie vor vier Jahren verschleiert wird, als der damals neue US-Präsident Barack Obama vor einer fast so argen Fiskalklippe stand und nicht runterspringen wollte.

Und was kommt dann, wenn ein Pakt nicht eingehalten wird, eine Union zerbricht? Was lauert im Abgrund? Das Fiskalfiasko, ein Untier grässlich und gemein, mit glühend roten Augen und schlechtem Atem. Ich versuche mir 16,4 Billionen Dollar vorzustellen, scheitere aber, weil meine Finger nicht einmal für die Nullen reichen. Stattdessen schaue ich im klugen Buch namens „Kluge“ nach, was mir das Wort Fiskus so unsympathisch macht. Denn an sich kommt es doch aus dem schönen Lateinischen: Das Verbum confiscare bedeutet einziehen, dazu verwendeten die Kämmerer des Kaisers noch einen geflochtenen Korb. Solch ein fiscus würde heute jedoch nicht einmal mehr für Städtchen wie Salzburg, Linz oder Sankt Pölten reichen und schon gar nicht für übersteuerte Ungeheuer wie die EU oder die USA.

Was aber macht dieses Wort, das sich auf eine Wurzel mit der Bedeutung „binden“zurückführen lässt, so unangenehm? Ich finde, es ist die Umgebung. Im „Kluge“ steht Fiskus zwischen Fisimatenten (das bezeichnet heute Flausen, deutet aber ursprünglich auf unnötige Bürokratie) und fispeln, einem ordinären Zeitwort zu Fist, das einen leisen Bauchwind meint. Englisch sagt man ganz vulgär fisting dazu, aber der Dunstkreis dieser windigen Worte, zu denen auch Fistel gehört, soll hier nobel verlassen werden. Wichtig scheint mir, und diese Warnung sollte man sowohl in der EU als auch in den USA ernst nehmen: Das Aufgeblähte verursacht Finanzprobleme, nicht die Klippe an sich.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

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