„Fiskalklippe“ ist ein böses und ordinäres Wort

NORBERT MAYER (Die Presse)

Die Römer verwendeten noch geflochtene Körbe, um Gelder für den Kaiser einzuziehen. So bescheiden sind Kämmerer heute nicht mehr.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Der hässlichste Begriff des bald schon abgelaufenen Jahres, der in Europa um sich gegriffen hat wie eine Pandemie, war Fiskalpakt. Er verspricht Umsicht, und glaubt man dem früheren EZB-Chef Jean-Claude Trichet, der schon 2007 von der Fiskalunion geschwärmt hat, ist solch ein Stabilität vortäuschender Fiskalpakt unumgänglich, um die Finanztechniker Europas glücklich und die übrigen Leute ärmer zu machen. Schön ist das Wort trotzdem nicht.

Das war 2012. Im neuen Jahr aber werden uns die Steuereintreiber aus den USA demonstrieren, dass nicht allein die Europäische Union fähig ist, vulgär zu reden: Amerika steht am Rande einer Fiskalklippe. Die ist so bedrohlich, dass der US-Präsident sogar seine Familie spontan auf Hawaii zurückließ, um den Sprung in den ökonomischen Abgrund zu verhindern – oder zumindest hinauszuzögern. Einigen sich Kongress und Administration bis Neujahr nicht auf die mittelfristige Sanierung des Budgets, werden Steuererleichterungen und Stützen rigoros gestrichen. Mit 16.400.000.000.000 US-Dollar hat das Land die derzeit maximal erlaubte Höhe an Schulden erreicht. Jetzt muss wieder getrickst werden, damit der Umstand so wie vor vier Jahren verschleiert wird, als der damals neue US-Präsident Barack Obama vor einer fast so argen Fiskalklippe stand und nicht runterspringen wollte.

Und was kommt dann, wenn ein Pakt nicht eingehalten wird, eine Union zerbricht? Was lauert im Abgrund? Das Fiskalfiasko, ein Untier grässlich und gemein, mit glühend roten Augen und schlechtem Atem. Ich versuche mir 16,4 Billionen Dollar vorzustellen, scheitere aber, weil meine Finger nicht einmal für die Nullen reichen. Stattdessen schaue ich im klugen Buch namens „Kluge“ nach, was mir das Wort Fiskus so unsympathisch macht. Denn an sich kommt es doch aus dem schönen Lateinischen: Das Verbum confiscare bedeutet einziehen, dazu verwendeten die Kämmerer des Kaisers noch einen geflochtenen Korb. Solch ein fiscus würde heute jedoch nicht einmal mehr für Städtchen wie Salzburg, Linz oder Sankt Pölten reichen und schon gar nicht für übersteuerte Ungeheuer wie die EU oder die USA.

Was aber macht dieses Wort, das sich auf eine Wurzel mit der Bedeutung „binden“zurückführen lässt, so unangenehm? Ich finde, es ist die Umgebung. Im „Kluge“ steht Fiskus zwischen Fisimatenten (das bezeichnet heute Flausen, deutet aber ursprünglich auf unnötige Bürokratie) und fispeln, einem ordinären Zeitwort zu Fist, das einen leisen Bauchwind meint. Englisch sagt man ganz vulgär fisting dazu, aber der Dunstkreis dieser windigen Worte, zu denen auch Fistel gehört, soll hier nobel verlassen werden. Wichtig scheint mir, und diese Warnung sollte man sowohl in der EU als auch in den USA ernst nehmen: Das Aufgeblähte verursacht Finanzprobleme, nicht die Klippe an sich.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare

>>>>Mit 16.400.000.000.000 US-Dollar haben die USA die derzeit maximal erlaubte Höhe an Schulden erreicht.<<<< übrigens: >>>Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt in seinem neuen Buch Zeilen und Tage. auch über den “arab. Frühling”;er vermutet, daß die USA diesen vor allem deshalb unterstützen, um Europa zu schwächen.<<< Wir haben hier immer die Obama-Regierung für blöde gehalten, die erst vor wenigen Tagen die verbrecherischen syrischen “Rebellen” als rechtmäßige Regierung anerkannt hat. Sollte Sloterdijk rechthaben, dann wäre nicht Obama blöde, sondern im logischen Umkehrschluß die EU, Deutschland und vor allem Frankreich.

Die Flüchtlinge sind ja schon längst im Anmarsch. Der entsprechende Eintrag in Sloterdijks Buch unter dem 30. Januar 2011 lautet:
Ein Wiener Freund, der Nordafrika u den Nahen Orient aus beruflicher Erfahrung kennt, ordnet die Vorgänge in Tunesien in die Szenarien von Washingtons Geopolitik ein, der zufolge für Amerika gut ist, was Europa schwächt. Die Destabilisierung Nordafrikas werde mittelfristig zu einer Schwächung Europas führen, da es in absehbarer Zeit zahlreiche Flüchtlinge aus den agitierten Regionen wird aufnehmen müssen. Das Argument ist leicht zu fassen: Binnen eines Jahres ist die Genugtuung über die Vertreibung des Despoten Ben Ali verraucht, dann setzt die Phase der Enttäuschung ein, weil alles viel langsamer vorangeht als erhofft. An der Enttäuschungsklippe scheiden sich die Ströme — auf der einen Seite wird es zu Radikalisierungen kommen, auf der anderen zu Resignation und Auswanderung, und weder die eine noch die andere Entwicklung kann den Europäern willkommen sein.
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=17092
Oder muß man die Verschwörung noch eine Stufe weiterdrehen, wie Bat Ye’or das schon vor Jahrzehnten schrieb, daß die EU und Frankreich die Mittelmeerunion unabhängig von den USA geradezu herbeisehnen, wodurch ganz Nordafrika mit Europa zu einer Großmacht verschmolzen werden soll? (Dazu noch ein andermal extra!) Beides höchst verhängnisvoll. Wie ist Ihre Meinung?
http://www.egotrip.de/bucher/05/0508_weltinnenraum.html
Sloterdijk vermutet amerikanischen Plan zur Destabilisierung Europas
http://www.zeit.de/2010/34/Schulden-USA
Kann es sein, daß die Krise, durch die USA geschürt wird ?
Um von den Problemen des Dollars abzulenken ?
Die USA ist in Wirklichkeit PLEITE, aber das darf nicht sein. Die USA hat kaum Fähigkeiten, keine wichtige Industrie, außer Krieg führen kann sie nicht viel.
Wieviel Freund sind eigentlich noch die USA?



Top-News

  • Kärnten: Hohe Krebsrate im HCB-Bezirk
    Kärnten ist das Bundesland mit der höchsten Krebs-Neuerkrankungsrate in Österreich. Die Bezirke rund um das HCB-belastete Görtschitztal stechen deutlich hervor. Beweise für einen Zusammenhang gibt es nicht. Aber viele Details, die neue Fragen aufwerfen.
    Ende der Eiszeit: USA und Kuba versöhnen sich
    Es ist ein historischer Schritt: Geheimverhandlungen haben sich US-Präsident Barack Obama und der kubanische Führer Raúl Castro darauf geeinigt, den seit 1961 währenden Kalten Krieg zu beenden.
    FPÖ: Strache verordnet Pro-Israel-Linie
    Die Unterstützung Israels wird de facto neue Parteidoktrin. Bis hinunter zum kleinsten Gemeinderat soll diese Haltung verinnerlicht werden. Das Feindbild Islamismus soll dabei helfen.
    US-Notenbank geht Zinswende geduldig an
    Obwohl sich die US-Wirtschaft im Aufschwung befindet und die Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand seit sechs Jahren liegt, bekräftigten die Währungshüter ihr Niedrigzins-Versprechen.
    Nahost: „Die EU darf nicht einseitig sein“
    Oskar Deutsch, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich, über die Resolution des EU-Parlaments und die Rolle Europas als Mittler in Nahost.
    Wettbewerb: Anzeigen gegen fünf Stahlhändler
    Die Bundeswettbewerbsbehörde hatte acht österreichische Stahlhändler im Visier: Wegen des Verdachts der Preisabsprachen gab es sieben Hausdurchsuchungen. Fünf Unternehmen wurden angezeigt.

Umfrage

Wir möchten mehr über die Nutzung erfahren und bitten Sie, zwei Fragen zu beantworten. Die Umfrage ist absolut anonym und lässt keine Rückschlüsse auf die Teilnehmer zu.


Zur Umfrage »

AnmeldenAnmelden