Der Dichter Richard Blanco preist die Vielfalt der USA

NORBERT MAYER (Die Presse)

Ein homosexueller Latino trägt bei der zweiten Inauguration von Barack Obama ein Gedicht vor – der US-Präsident hat klug gewählt.

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Obama passt zwar phonetisch zu Osama, aber am 21.Jänner, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika seinen Eid für die zweite Amtszeit ablegen wird, ist poetologisch mehr zu erwarten als billige Endreimerei. Barack Obama hat erneut einen Dichter damit beauftragt, bei der Inauguration ein extra für diese Zeremonie verfasstes Poem vorzutragen: Richard Blanco heißt er, 44, Sohn kubanischer Einwanderer.

Diese hübsche Tradition des Preisliedes, die man einst bei Cäsaren in ihrem Wahn fand und dann und wann vielleicht bis heute bei sich ihren Traditionen bewussten Queens, ist ein Faible demokratischer Präsidenten. John F. Kennedy hat sie 1961 eingeführt. Bei ihm rezitierte immerhin der bedeutende Dichter Robert Frost. Sein Text mit dem Titel „Dedication“ strotzt vor Patriotismus, von „The glory of a next Augustan age“ ist die Rede, voll Stärke, Stolz und Ehrgeiz. Aber weil der 87-jährige Frost so geblendet war, dass er nicht richtig vom Blatt lesen konnte, murmelte er nur ein paar Verse, unterbrach den Vortrag und trug stattdessen frei ein zweites Gedicht vor: „The Gift Outright“ mit der hintersinnigen, bei Indianern nicht sonderlich beliebten Zeile: „The land was ours before we were the land's“.

Einen zweiten Dichter für JFK hat dessen Mörder Oswald verhindert – Lee Harvey war kein Lyriker, sondern Marineinfanterist und Leninist. Nach Kennedy dauerte es bis zu Bill Clinton, dass der Brauch des Rühmens wieder aufgenommen wurde. Für ihn dichtete 1993 die kluge Poetin und Bürgerrechtskämpferin Maya Angelou, 1997 ein Herr Miller Williams. Elegisch erklang „Of History and Hope“, während Angelou noch von „On the Pulse of Morning“ geträumt hatte.

George W. Bush verzichtete 2001 auf edle Literatur, Obama hingegen wählte 2009 eine Afroamerikanerin aus Harlem: Elizabeth Alexander sang den „Praise Song for the Day“ – so nennt man eben professorale Ergüsse.

Diesmal aber ist Obama ein dreifaches Novum gelungen: Blanco ist der bisher jüngste Inaugurationsdichter, der erste Latino und bekennende Homosexuelle. Die Wahl ist ein Lob der Vielfalt. Blanco wurde, wie er schrieb, „in Kuba gemacht, in Spanien montiert und dann in die USA importiert“. Seine Eltern flüchteten vor Castro über Madrid nach Miami. Den Vornamen hat er laut Familienlegende erhalten, weil der konservative Vater damals Präsident Richard Nixon für dessen Anti-Kommunismus verehrte.

Der sensible Sohn hingegen, dessen Bände „City of a Hundred Fires“, „Directions to the Beach of the Dead“ sowie „Looking for The Gulf Motel“ Herkunft und Neigung thematisieren, schwärmt von der Vielfalt der USA, er fühlt sich Obama spirituell verbunden. Reime auf „Tricky Dick“ Nixon oder gar Fidel sind vor dem Kapitol also nicht zu erwarten. Aber ein verschämtes „Yes, we could!“ könnte drin sein.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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