19.05.2013 16:54 Merkliste 0

Glosse: Liebe Türken und Wiener! Seid nett zu den Gästen!

NORBERT MAYER (Die Presse)

Urlaub und echte fremde Kulturen gehen nur schwer zusammen. Dafür sorgt schon die Tourismusindustrie.

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In einem informativen Interview mit dieser Zeitung hat der türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan sehr viel Aufschlussreiches gesagt, das sogar bis Ankara und Ottakring vorgedrungen ist, aber in einem Punkt hat er bei seiner Tour d'Horizon durch die wilde österreichische Seele übertrieben – wenn er behauptet: „Außer im Urlaub interessieren sich die Österreicher nicht für andere Kulturen.“ Dem möchte ich aus eigener Erfahrung widersprechen. Ich war schon oft auf Urlaub, aber in den wenigsten Fällen hatte der kulturelle Motive.

Das Wichtigste für mich und meine Familie bei diesen Pauschalreisen: Liegt das Hotel am Strand? Ist der Strand sandig und sauber? Und wie sauber ist das Wasser? Sekundär sind bereits die Fragen: Hat mein Zimmer Blick aufs Meer, und ist das Essen verträglich? Denn dabei vertraue ich meinem Reisebüro. Die Zimmer und die Gastronomie sind heutzutage beruhigend einheitlich. Bei einem gut geplanten Urlaub läuft man nicht Gefahr, dass einem etwas gefährlich fremd scheint. Und das ist auch gut so.

Ich will in den Ferien in Ruhe gelassen werden, in der einzigen gnädig politikfreien Zeit. Es fällt schwer genug, am Strand den familiären Frieden zu wahren. Deshalb ist es mir herzlich egal, ob mir die Limonade von einem Bengalen, Türken oder Inuit serviert wird. Freundlich soll er sein und diskret. Wenn ich eine andere Kultur kennenlernen will, mache ich einen Sprachkurs in Farsi, arbeite als Korrespondent in Istanbul, Berlin oder New York oder besuche andere internationale Städte. Es reicht mir aber auch schon, auf den multikulturellen Viktor-Adler-Markt zu gehen, mit seinen Kopftuch tragenden Bäuerinnen aus dem schönen Burgenland. Im Urlaub schau ich mir höchstens Gebäude an oder, wenn es sein muss, auch Ausstellungen. Aber niemand wird mich dazu animieren können, beim Folkloreabend auf einem Nil-Dampfer am Bauchtanz-Programm teilzunehmen.

Denn wer seine Kindheit in Tirol verbracht hat, weiß: Nichts am Tourismus ist echt. „Seid nett zu den Gästen!“, hieß die oberste Maxime. Dann seien die Piefke auch bereit, völlig überzogene Preise fürs Skifahren zu bezahlen. Damals gab es an den Liften immer den Tarif für Fremde und den niedrigeren für Einheimische. Niemals aber wäre es uns eingefallen, Touristen allzu viel vom Eigenen preiszugeben. Warum auch? Denen wurde mit Oberinntaler Konsequenz Idylle vorgespielt. Barockes Maskenspiel.

Dieses Vortäuschen gilt auch für Istanbul und Wien. Als ich vor gut 20 Jahren das schwer erklärbare Bedürfnis verspürte, mich mit einer wirklich fremden Kultur einzulassen, bin ich von Graz nach Favoriten gezogen. Um Land und Leute besser einschätzen zu können, besuchte ich im Zentrum das eben wiedereröffnete Café Griensteidl. Ich geriet an einen Tisch mit Deutschen. Der Ober erklärte uns die historisch bedeutsame Stätte. An eben diesem Platz seien Polgar und Friedell, Hofmannsthal und Herzl gesessen, sagte er und klopfte zur Bestätigung auf das Marmortischchen. „Alles original!“, sagte er. Die Piefke waren beeindruckt, zahlten und gingen zur Hofburg. „Wirklich alles echt?“, fragte ich. „Aber geh“, sagte der Kellner mit leicht böhmischem Einschlag, „nur für die Touristen!“ So vertraut kann einem die fremde Wiener Kultur werden.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2010)

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9 Kommentare
Gast: tom green
15.11.2010 15:45
0 0

bauchtanzprogramm

sehr geehrter herr redakteur, ihrem foto zu entnehmen ist es dem gepflegten kulturaustausch zwischen ägypten und österreich doch besser bekommen,wenn sie "beim folkloreabend auf einem nildampfer am bauchtanz-abend" nicht teilgenommen haben.
das hätte doch zu einigen irritationen bei den anwesenden mitreisenden geführt.

"Piefke", ein Spottname für die Bundesdeutschen

Bevor Herr Mag. Norbert Mayer und andere österreichische Landsleute Menschen in und aus Deutschland abfällig als "Piefke(s)" bezeichnen, mögen sie das folgende Buch lesen, falls sie es nicht ohnehin schon kennen:

Godeysen, Hubertus: Piefke. Kulturgeschichte einer Beschimpfung. – Klosterneuburg:
Edition Va Bene 2010. (Eine Dokumentation.)
280 S., zahlr. schw.-w. Abbild.
ISBN 978-3-85167-238-1
EUR 24.90 (AT)

Österreichische Landsleute, denen dieser Preis zu hoch ist, können Godeysens Buch in den Universitätsbibliotheken Wien und Salzburg sowie in der Oberösterreichischen Landesbibliothek in Linz lesen oder aus diesen Bibliotheken durch Orts- und Fernleihe entlehnen.

I lieg

:-))

Gast: fritz55
13.11.2010 09:59
0 0

Herrlich,

eine herzerfrischende Antwort!

Das für den morgentlichen Lacher :)

Dazu eine lustige Geschichte.

Als wir in Istanbul gelebt haben, hatte mein Mann einen jungen Türken aus Deutschland als MA.
Der junge Mann war von Anfang nicht sehr begeistert von der Idee in Istanbul zu arbeiten, aber sein Vater hat darauf bestanden weil sein Türkisch katastrophal war (und ist. Er hat es nicht sehr lange ausgehalten ;)).
Wie es ist in der Türkei. Der junge Mann musste bei Verwandte wohnen (auch das ist ihm schwer aufgestossen).
Eines Abends ruft er meinen Mann:
"Chef. Kann ich bei Ihnen ein paar Nächte bleiben?"
Mein Mann:
"Klar. Aber was ist den passiert?"
"Mein Onkel (alle sind "Onkel" in der Türkei sobald ein gewisses Alter erreicht ist) hat mir gesagt ich solle doch kündigen und für ihn arbeiten. In Sultan Ahmet. Das Geld wäre viel leichter verdient. Ich hab dann gemeint. NA SICHER NICHT, damit ich auch so ein Betrüger wie du werde der nichts anderes im Kopf hat wie am schnellsten und einfachsten die Deutschen Touristen nach Strich und Faden zu betrügen!"
"Darauf hin sinds alle aber derart bös worden und auch mich los. Ich denk es ist besser ich zieh hier mal aus. Ausserdem.
ICH WILL WIEDER HEIM!"

Er hat dann ein paar Tage bei uns gewohnt bis er einen Flug nach Hause hatte.
Auch er hatte gemeint.
"Das war dann genug des Kulturellen Austausches".
"Urlaub mach ich in der Türkei die nächsten 10 Jahre keinen!" ;D

Gast: herbst9
13.11.2010 03:49
0 2

daswars?

... net nur a bissl schwach!

Die Unterscheidung zwischen

Einheimischen und Touristentarifen gibts zT immer noch. Wobei der Begriff des Einheimischen manchmal sehr eng gesehen wird. Ein Tiroler aus dem Tiroler Unterland wird zB aufgrund seines Dialekts im Tiroler Oberland sofort als "Unterlandler" entlarvt und demgemäß nicht unbedingt als Einheimischer anerkannt.

Sie haben recht

Im Urlaub ist wirklich nichts echt, das ist überall auf der Welt so. Im Urlaub möchte ich Ruhe haben, am Besten mit keinem Menschen reden und nur mein Buch lesen, schwimmen und schlafen. Wenn ich die Sprache nicht verstehe, umso besser ;) Aber wie wäre es wenn man sich mal mit Personen, die man als "anders" als sich selbst findet, im Alltag, bei der Arbeit oder im Haus unterhalten und sich für sie interessieren würde. Auch die haben Gefühle, auch sie können lachen, weinen, sich ärgern. Haben Sie das gewusst? Das kostet nicht wirklich viel Zeit :) Bestimmt haben die auch was anderes auf Lager, was für sie interessant sein könnte, auch von ihnen könnte man viel lernen, wie man ihnen was beibringen kann. Falls die nicht viel wissen, Bzw. Bildungsarm sind, könnten Sie eine Ehrenvolle Aufgabe übernehmen, ihnen etwas beizubringen, denn die arbeiten genauso hart wie Sie und bauen dieses Land auf. Dieser Kulturaustausch wäre nämlich sogar sinnvoller als im Urlaub.

Gast: gast
12.11.2010 21:54
0 0

Ich vertraue Ihnen

und sage: Grins!

Für alle, die das nicht so sehen:
Ich, als Niederösterreicher, fahre seit Jahrzehten) nach z. B. Tirol (ebenso gut könne ich Steiermark, Kärnten, Salzburg, Oberösterreich etc., aber auch z. B. Prigglitz sagen), um dort - was zugegebenermaßen nicht immer leicht ist (siehe, wie erwähnt, das Café Griensteidl) -, auch (neben den "Sehenwürdigkeiten") Tiroler, Steirer etc. kennenzulernen. Denn das gehört für mich unbedingt dazu - und mit etwas Mühe gelingt das auch.
Schwieriger - zugegeben - ist es in Ländern, in denen ich die Sprache nicht spreche, wie z.B. in der Türkei, Rumänien Griechenland, Japan oder China - aber auch dort ist es (wenn auch wohl nicht so gut) möglich und der Mühe wert - und unglaublich bereichernd - erst dann war ich wirklich dort.

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