Seiltanz, Springen und Kriechen im Lande Liliput

NORBERT MAYER (Die Presse)

Der „Economist“ wünscht sich größere Politiker zur Bewältigung der globalen Wirtschaftskrise. Das klingt nach Verzweiflung.

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Der September ist endlich vorbei. Eigentlich sollten wir jetzt aufatmen. Denn dieser Monat ist immer schon höchst gefährlich gewesen, was die Jagd, den Krieg oder anderen Terror betrifft. Eigentlich sollte man jetzt im Obstgarten die Hängematte aufspannen und fröhlich ein Herbstlied singen: „Der Nebel steigt, es fällt das Laub. Schenk ein, den Wein, den holden. Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden!“

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Doch was passiert? Die Post ist da, mit der neuen Ausgabe des „Economist“,und auf dem Titel befindet sich ein galaktischer Wirbel mit roter Schrift inmitten: BE AFRAID. „Fürchtet euch!“, sagt das Leibblatt der Ökonomen auch im Leitartikel und begründet diese Jeremiade damit, dass die Politiker endlich etwas gegen die Krise der Weltwirtschaft tun sollten, sonst steuerten wir alle auf ein schwarzes Loch zu. Angst! Das ist im Englischen ein existenzbedrohendes Wort. Ich habe also nur die Pointe des sicherlich klugen Artikels gelesen, damit mir das letzte schöne Wochenende nicht versaut wird. Doch allein die finalen Sätze verursachen generell Panik: „In einer Zeit enormer Probleme scheinen die Politiker Liliputaner zu sein. Das ist der wahre Grund, um sich zu fürchten.“ Hier irrt der „Economist“.Einfallslose, angepasste Politiker sind wir seit jeher gewohnt, aber dass sich das Sprachrohr des Liberalismus Hilfe suchend an törichte Zwerge wendet, die es richten sollen, während sonst doch angeblich die unsichtbare Hand gebietet, dass es sich der Markt selbst richtet, ist eine Rarität. Sie klingt nach blanker, ansteckender Verzweiflung.

Was tun? Lesen wir bei Jonathan Swift nach. Im Roman „Gulliver's Traveles“(1726) rettet sich der Protagonist nach einem Schiffbruch auf die Insel Liliput. Dort machen nur Höflinge Karriere, die im Seiltanz, Springen und Kriechen reüssieren. Zwei Probleme hat das Land: Innenpolitisch ist es gespalten zwischen Trackmesan mit hohen und Slackmesan mit niederen Absätzen. So tief geht der Konflikt über die Höhe des Absatzes, dass diese Hoch-Tief-Parteien nicht mehr miteinander reden. Und die Außenpolitik wird von der bedeutenden Frage bestimmt, ob man ein Ei an der breiten oder an der spitzen Seite öffnet.

Das klingt doch recht aktuell. Nur die Spitzen ab beim Haircut oder eine radikale Glatze? Sparen oder weiter in die Vollen gehen? Was sollen die politischen Riesen tun? Wie soll man den Appell zur großen Tat verstehen? Pleiteländer entmündigen? Früher hätte man ihnen, um von eigenen Miseren abzulenken, den Krieg erklärt. Dass wir das nicht mehr tun, ist ein offensichtlicher Vorteil der Gemeinschaft.

Swift bietet keinen Trost. Auch auf der Reise zu den Riesen in Brobdingnag geht es Gulliver nicht besser, vom gemeinen Yahoo (reimt sich auf EU) gar nicht zu reden. Der geplagte Held wird schließlich zum Menschenfeind. Heute nennt man so einen Wutbürger.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2011)

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