19.06.2013 06:16 Merkliste 0

Die Perspektiven des Plagiats heute

NORBERT MAYER (Die Presse)

Dr. Johannes Hahn ist rehabilitiert: Laut einem Gutachten hat er seine Dissertation nicht abgeschrieben.

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In Göttingen, behauptet Harry Heine, gebe es ordentliche und unordentliche Professoren. Entschuldigen Sie die schlampige Zitierweise, aber als ich 1945 meine längst verschollene Dissertation über Die Perspektiven des Plagiats heute verfasste, gab es kaum Bücher und noch gar keine Zitate. Der Ordinarius hatte immer recht. Wir Studenten haben einfach notiert, was er meinte – und dabei rein gar nichts gedacht.

In Wien aber lehren heute nur Professoren, die dem Stand der Geisteswissenschaften entsprechen. Sie lassen keinen Vorwurf gegen ihre hellsten Leuchten zu. Deshalb ist es erfreulich, dass Dr. phil. Johannes Hahn vom Verdacht des Plagiats befreit wurde, mithilfe renommierter Philosophen, die seine Dissertation Die Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt erneut geprüft haben. Diese zuletzt nicht verfügbare Arbeit ist wieder zugänglich, unter https://www.univie.ac.at/hahn-hosting/AHB-Hahn.

Wer an den Methoden interessiert ist, die 1987 bei Dissertationen üblich waren, zumindest bei dieser von Univ.-Prof. Dr. Peter Kampits betreuten, kann selbst urteilen, ob sie nach heute allgemein anerkannten Standards „nicht den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis“ entsprechen, wie die mit der Prüfung beauftragte Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität feststellte: Nach 25 Jahren sei aber leider nicht mehr zu verifizieren, ob die Arbeit damals in Wien geltenden Standards entsprach. Heute würde solch eine Dissertation nicht mehr angenommen, sagt Rektor Engl.

In Göttingen hätte man sich 1826 nicht schwergetan mit der Kategorisierung. Heine schreibt, und ich zitiere fast wörtlich: Im Allgemeinen werden die Bewohner[...] eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh [...]. Der Viehstand ist der bedeutendste.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2011)

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1 Kommentare

Nicht nur Philister,...

...sondern auch Pharisäer gab es damals wie heute. Und nicht zu knapp.


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