25.05.2012 12:57 | Meine Presse Merkliste 0

Wo bleiben die Mütter im zukunftsreichen Hämmer- und Stromland?

NORBERT MAYER (Die Presse)

Unsere Bundeshymne hat jetzt auch große Töchter. Das kann aber nur der Anfang noch viel größerer Veränderungen im teuren Vaterland mit seinen Jubelchören sein.

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Am Fenstertag ist es mir in den Morgenstunden schlagartig aufgefallen: Der Strom der Frauen schreitet neuerdings mit viel mehr Selbstbewusstsein durchs Land. Vor dem Stephansdom schien mir gar, die Mitbürgerinnen seien ordentlich gewachsen, musterten mich geradezu von oben herab. Die wissen offenbar ziemlich zukunftsreich, wo der Hammer hängt, dachte ich mir.

Jetzt ist also Schluss mit dem straflosen Ignorieren des reizenden Binnen-I. Dafür gibt es nur zwei logische Erklärungen: Die Söhne dieses Landes sind geschrumpft, oder die Töchter sind einfach größer geworden, seit der Nationalrat vor Mariä Empfängnis beschlossen hat, dass Österreichs Hymnos im neuen Jahr zur emanzipierten Hymne korrigiert werde. Ein „bist“ und ein anbiederndes „du“ in der ersten Strophe des Textes der DichterIn Paula von Preradović werden geopfert, stattdessen heißt es nun: „Heimat großer Töchter und Söhne“. Und statt „Bruderchören“ schwören künftig „Jubelchöre“ dem Vaterland Treue.

Da wird jetzt ein Ruck durchs Land gehen, sagte doch die SPÖ-Frauensprecherin Gisela Wurm in der Debatte so treffend zur neuen Gerechtigkeit aller Geschlechter: „Sprache ist wichtig und schafft Bewusstsein. Eine Veränderung der Sprache ist somit auch eine Veränderung der Welt.“ Ganz genau! Aber das lenkt nur ab von einer Schwäche, die all jene übersehen haben, die seit Jahren an der Verbesserung des Hämmer- und Stromlandes werken. Unser Freimaurer-Lied hat künftig zwar Töchter und Söhne und ein Vaterland, aber wo, bitte schön, bleibt denn die Mutter? Wer die Reform wirklich ernst nimmt und sich daran erinnert, wie gütig und massiv Maria Theresia auf ihrem Platz inmitten des Erdteils auf uns herabblickt, weiß, dass eine derartige Vernachlässigung der Magna Mater Austriae überhaupt nicht geht.

Aber wo bringen wir sie unter, die große Mutter? „Einig lass in Jubelchören Vater- beziehungsweise Mutterland dir Treue schwören“ klingt selbst für das Niveau des Nationalrates ein wenig strapaziert. Wie wäre es mit „Heimat großer Väter, Töchter, Mütter, Söhne und anderer super Patchwork-Familien“? Dafür müsste man nur eine Zeile redundantes „Vielgerühmtes“ opfern. Das sollte sowohl traditionsbewussten als auch progressiven Parteien recht sein. Der Diskurs beginnt erst. Wie wäre es mit einer zweisprachigen dritten Strophe? „Bratski zbor prisega hkrati, domovini zvestobo dati“ klingt doch gut.

Die Homepage des Kanzleramtes übte am Freitag auf ihrer Hymnen-Seite noch Zurückhaltung. Kein Wort über das neue Gesetz, während die SPÖ im Netz frohlockte: „Österreich hat große Töchter und Söhne“. Wikipedia hingegen stellte patriotisch-maternalistisch den neuen Text zur Verfügung, damit die BürgerInnen ihn bis 1. Jänner noch üben können.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2011)

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4 Kommentare
Hirschmugl
12.12.2011 16:43
0 0

Heimatland ...

sollte es heißen; vertippt ... sorry

Hirschmugl
12.12.2011 16:42
0 0

Wenn schon ...

Dann Vaterland durch Heimastland ersetzen.

Grad gegen Vaterland (das ist doch alles, das umfasst Land, Stadt, Verkehrswege, Gipfelkreuze ... alles nur Vätern zugeordnet !!!) sollten die Emanzen Sturm laufen; nur die Töchter rein zu bringen, ist nur die halbe Miete.
Andererseits ... Erobert haben es nur die Väter, mit ihren Schwertern und Lanzen, und das geht bis heute so weiter, immer noch keine Wehrpflicht für Frauen, die grad mit Küchenmesser umgehen können. Bis das dann umgesetzt wird, solten wir mit einer diesbezüglichen, weiteren Änderung der Hymne noch warten.

Die alte Bundeshymne „gegendert"

Wäre die Haydn-Kernstock-Hymne wie 1930 bis 1938 auch in der 2. Republik die offizielle österreichische Bundeshymne, müßte auch sie sich eine geschlechtergerechte Bearbeitung gefallen lassen. Die Änderungen finden sich in der folgenden Textfassung in eckigen Klammern.

Sei gesegnet ohne Ende,
Heimaterde wunderhold!
Freundlich schmücken dein Gelände
Tannengrün und Ährengold.
Deutsche Arbeit ernst und ehrlich,
Deutsche Liebe zart und weich –
Vaterland [geändert zu: "Elternland"], wie bist du herrlich,
Gott mit dir, mein Österreich!

Keine Willkür, keine [eingefügt: "Mägde und"] Knechte,
Off'ne Bahn für jede Kraft!
Gleiche Pflichten, gleiche Rechte,
Frei die Kunst und Wissenschaft!
Starken Mutes, festen Blickes,
Trotzend jedem Schicksalsstreich
Steig empor den Pfad des Glückes,
Gott mit dir, mein Österreich!

Laßt, durch keinen Zwist geschieden,
Uns nach einem Ziele schau'n,
Laßt in Eintracht und in Frieden
Uns am Heil der Zukunft bau'n!
Uns'res Volkes starke Jugend
Werde ihren Ahnen [eingefügt: "und Ahninnen"] gleich.
Sei gesegnet, Heimaterde,
Gott mit dir, mein Österreich!

Wenn uns Österreichern und Österreicherinnen bzw. "ÖsterreicherInnen" der Vers "Keine Willkür, keine Mägde und Knechte" zu lang und zu holprig vorkommt, könnten wir auch einfach singen: "Keine Mägde, keine Knechte".

Antworten Gast: zensuriert doch mal wen anderen
13.12.2011 14:58
0 0

Re: Die alte Bundeshymne „gegendert"

und was machen wir mit Gott? wird daraus auch Gott und Göttin? Dass gerade die oberste instanz rein männlich ist, das geht ja garnicht.

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