Am Fenstertag ist es mir in den Morgenstunden schlagartig aufgefallen: Der Strom der Frauen schreitet neuerdings mit viel mehr Selbstbewusstsein durchs Land. Vor dem Stephansdom schien mir gar, die Mitbürgerinnen seien ordentlich gewachsen, musterten mich geradezu von oben herab. Die wissen offenbar ziemlich zukunftsreich, wo der Hammer hängt, dachte ich mir.
Jetzt ist also Schluss mit dem straflosen Ignorieren des reizenden Binnen-I. Dafür gibt es nur zwei logische Erklärungen: Die Söhne dieses Landes sind geschrumpft, oder die Töchter sind einfach größer geworden, seit der Nationalrat vor Mariä Empfängnis beschlossen hat, dass Österreichs Hymnos im neuen Jahr zur emanzipierten Hymne korrigiert werde. Ein „bist“ und ein anbiederndes „du“ in der ersten Strophe des Textes der DichterIn Paula von Preradović werden geopfert, stattdessen heißt es nun: „Heimat großer Töchter und Söhne“. Und statt „Bruderchören“ schwören künftig „Jubelchöre“ dem Vaterland Treue.
Da wird jetzt ein Ruck durchs Land gehen, sagte doch die SPÖ-Frauensprecherin Gisela Wurm in der Debatte so treffend zur neuen Gerechtigkeit aller Geschlechter: „Sprache ist wichtig und schafft Bewusstsein. Eine Veränderung der Sprache ist somit auch eine Veränderung der Welt.“ Ganz genau! Aber das lenkt nur ab von einer Schwäche, die all jene übersehen haben, die seit Jahren an der Verbesserung des Hämmer- und Stromlandes werken. Unser Freimaurer-Lied hat künftig zwar Töchter und Söhne und ein Vaterland, aber wo, bitte schön, bleibt denn die Mutter? Wer die Reform wirklich ernst nimmt und sich daran erinnert, wie gütig und massiv Maria Theresia auf ihrem Platz inmitten des Erdteils auf uns herabblickt, weiß, dass eine derartige Vernachlässigung der Magna Mater Austriae überhaupt nicht geht.
Aber wo bringen wir sie unter, die große Mutter? „Einig lass in Jubelchören Vater- beziehungsweise Mutterland dir Treue schwören“ klingt selbst für das Niveau des Nationalrates ein wenig strapaziert. Wie wäre es mit „Heimat großer Väter, Töchter, Mütter, Söhne und anderer super Patchwork-Familien“? Dafür müsste man nur eine Zeile redundantes „Vielgerühmtes“ opfern. Das sollte sowohl traditionsbewussten als auch progressiven Parteien recht sein. Der Diskurs beginnt erst. Wie wäre es mit einer zweisprachigen dritten Strophe? „Bratski zbor prisega hkrati, domovini zvestobo dati“ klingt doch gut.
Die Homepage des Kanzleramtes übte am Freitag auf ihrer Hymnen-Seite noch Zurückhaltung. Kein Wort über das neue Gesetz, während die SPÖ im Netz frohlockte: „Österreich hat große Töchter und Söhne“. Wikipedia hingegen stellte patriotisch-maternalistisch den neuen Text zur Verfügung, damit die BürgerInnen ihn bis 1. Jänner noch üben können.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2011)















