25.05.2012 12:58 | Meine Presse Merkliste 0

Und plötzlich beginnt es mitten im Winter zu blühen

NORBERT MAYER (Die Presse)

„Weihnachten“ ist auch im Internet der Favorit. Auf Google gibt es dazu 2,66 Milliarden Texte und Clips – mehr als lebende Christen.

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Zu Beginn dieser Woche, die mit hohen Festen enden wird, habe ich „Rudolph the Red-Nosed Reindeer“gegoogelt, aus künstlerischen Gründen. Leichtfertig hatte ich zugesagt, beim für unsere Weihnachtsfeier wie immer spontan zusammengestellten Chor mitzusingen, und da ich vor allem bei den punktierten Noten noch deutlich eigene Schwächen empfand, sah und hörte ich mir auf YouTube an, wie die Profis den Song anlegen.

Dass Dean Martin und der Rest des Rat Pack zu den ewigen Favoriten zählen, überraschte mich nicht, wohl aber, wie viele Texte und Clips es zu diesem von einem Malbuch inspirierten Liedlein gibt, das Country-Star Gene Autry erstmals 1949 vortrug: Mehr als 16 Millionen Einträge!

Das Lied ist also fast so beliebt wie „Silent Night“ mit 24,7 Millionen Nennungen bei Google. Selbst die deutsche Fassung bringt es noch auf 4,7 Millionen, also sind Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr wohl noch immer bei Weitem die beliebtesten Künstler, wenn es um Unterhaltung in der Christnacht geht.

Dieser Erfolg verblasst jedoch im Vergleich mit jenem des Festes an sich, das ab heute weltweit gefeiert wird: Zu Christmas gibt es 2,66 Milliarden Einträge und zu X-Mas(s) noch 257 Millionen dazu. Selbst Jesus mit knapp einer Milliarde und Christ mit 439 Millionen Texten und Filmen rangieren noch dahinter. Zu Weihnacht existieren mehr Einträge, als es lebende Christen gibt.

Die fröhliche Nacht, in der Gläubige die Geburt des Herrn feiern, die als Fest des Lichtes heidnische Vorläufer hatte, vom unwirtlichen Norden, der die Sonnenwende herbeisehnte, bis weit im Süden in Ägypten, durchdringt inzwischen fast alle Kulturen. Niemand kann sich diesem Ereignis entziehen, selbst wenn die dominanten Effekte heutzutage nur Kaufrausch und Konsumzwang sind. Dahinter aber steht die positive Botschaft vom Kind, das König ist, der sich schließlich sogar der hartherzige Ebenezer Scrooge geöffnet hat, in der sentimentalen Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, mit der dieser im Dezember 1843 Millionen Leser zum Weinen brachte.

Unsere polyfone Version von „Rudolph“ wurde vom Publikum wohltuend freundlich aufgenommen. Viel besser hat mir persönlich aber „Maria durch ein' Dornwald ging“ gefallen. Dieses Lied, das wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert stammt und von Wallfahrern gesungen wurde, rührt mich jedesmal, wenn ich es höre. Der Text bezieht sich auf das Evangelium des Lukas, der von der Reise Marias zu Elisabeth erzählt. Der Dornwald ist die Ausschmückung in einer Legende, er bedeutet Unfruchtbarkeit und Tod. Solch eine Reise ist keine kitschige Tour, sondern eine existenzielle Erfahrung. Hier herrscht höchste Not, aber – man kann es kaum glauben – plötzlich beginnt es in dieser unwirtlichen Gegend zu blühen.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)

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