Der leicht verstaubte Begriff „Büroleiter“, an sich schon eine Ambiguität, ist neuerdings durch eine Stellenausschreibung des ORF ins Gerede gekommen. Keine besonderen Qualifikationen seien dafür nötig, hieß es im betreffenden Inserat. Das klingt einleuchtend. Was soll denn so besonders sein an einer Büroleiter? Man braucht sie, um höher hinauf zu kommen, an Akten, die sonst nicht zugänglich sind. Eine Büroleiter muss außerdem dem Raum angepasst sein. Feuerwehrleitern haben dort nichts zu suchen. Meist genügt ein kleines Treppchen, wie man es aus gut geführten Bibliotheken kennt.
Ganz anders verhält es sich mit der männlichen Version des Begriffs, von unreifen Burschen heutzutage als „Office Manager“ bezeichnet. Die Qualifikationen eines guten Büroleiters können gar nicht hoch genug eingestuft werden. Deshalb wird dieser Job sehr oft von Frauen ausgeübt. In traditionellen Betrieben nennt man diese Damen Chefsekretärinnen. Sie sind bewundernswerte Wesen. Eine der besten an einer berühmten Universität mit einem berühmten und ordentlichen Professor nannte diesen vor Eingeweihten immer „mein Allerwertester“.
Das sagt doch alles. Wer im Chefsessel sitzt, muss sich auf seinen Büroleiter hundertprozentig verlassen können. Der kennt seinen Chef oder seine Chefin besser als die sich selbst. Das ist auch bei der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel der Fall. Seit frühester Wendezeit wird sie von Beate Baumann betreut. Die Damen sind offiziell noch immer per Sie, aber die Büroleiterin ist keine Jasagerin, sondern die härteste Kritikerin der CDU-Chefin. Diskret steht sie im Hintergrund, beobachtet, tröstet und hilft.
Bei Bundeskanzler Helmut Kohl nahm diese Rolle Juliane Weber ein. Böse Zungen behaupten, Kohl hätte gnadenlos Konkurrenten fertiggemacht. Das ist nur die halbe Wahrheit. Wer mit seiner Chefsekretärin nicht konnte, und war er auch sonst ein braver Parteisoldat, bekam nicht einmal die Chance, der CDU im Weg zu stehen. Er blieb einfach draußen.
Die edelste Version des Büroleiters hierzulande ist der Kabinettschef. Zuweilen hat so einer die Fähigkeiten eines Metternich. Er weiß nicht nur, welchen Akt er wann dem Chef vorlegen muss, sondern macht auch die richtigen Bemerkungen, während er die Mappe öffnet. Ein großer Bundeskanzler, den nicht nur seine nähere Umgebung den „Alten“ nannte, hatte einmal solch einen perfekten Halbleiter, der nur durchließ, was vernünftig schien. Manchmal war das aus Staatsräson nötig, denn der Kanzler, er hieß Bruno Kreisky, hatte eine Schwäche – die Wirtschaft. Wenn er also schwach zu werden drohte, bediente sich sein Kabinettschef eines simplen Tricks. (Dazu muss vorausgestellt werden, dass jeder gute Kanzler auch einen Staatssekretär hat, den er nicht leiden kann.) Der perfekte Kabinettschef legte also den Akt vor und murmelte dabei: „Das hat Priorität, Herr Bundeskanzler. Unser Herr Staatssekretär V. ist ganz begeistert von diesem Entwurf!“
Meist wurde dieser Vorschlag sofort verworfen. Die Geschichte zeigt also, wie wichtig nicht nur ein Kabinettschef, sondern indirekt auch ein Staatssekretär sein kann. Und welche Qualifikationen sind in der Generaldirektion des ORF erforderlich? Tragfähigkeit ist wesentlich! Der Kabinettschef des Gegengifts hat uns geflüstert: „Herr Alexander Wrabetz wird garantiert eine gute Büroleiter für Herrn Nikolaus Pelinkas Aufstieg sein.“
E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2012)















