25.05.2012 13:04 | Meine Presse Merkliste 0

Lenins Artikel über preußisches Elend im Abverkauf

NORBERT MAYER (Die Presse)

Ein Band kommunistischer Ideologie in Kunstleder für einen Euro scheint preiswert zu sein. Und klingt verdächtig nach Zeitgeist.

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Bücherkisten haben auf mich eine anziehende Wirkung, eine viel stärkere jedenfalls als das Angebot zur Freundschaft mit Fräulein Rudas auf Facebook. Ich lasse mich willig aufs Stöbern in Antiquarischem ein, wie neulich nach einer hitzigen Debatte der Gegengift-Redaktion über die hundertprozentige Erhöhung des fünfzigprozentigen Grenzsteuersatzes für Reiche, die es nicht verdienen, überhaupt etwas zu verdienen, und deshalb den Mund halten sollten.

Zur Entspannung nach so dunkler Materie machte ich schweigend einen Spaziergang durch die Innenstadt. Schräg gegenüber dem Dom stand sie also, diese Kiste, und bot nicht nur einen gebrauchten Adam Smith, sondern eine ungelesene Auswahl aus den gesammelten Werken Lenins. Pro Band ein Euro. „Teufel noch mal“, dachte ich, „wie machen das die Kommunisten?“ Ein Band mit 650 Seiten zu solch einem Kampfpreis, noch dazu in braunem Kunstleder und mit eingeprägtem Porträt des russischen Berufsrevolutionärs im Profil. Ist dieses System vielleicht doch überlegen, oder bestätigt die sinkende Nachfrage nach Ideologie nur ihren Untergang? Was kostet Lenin in Leder heute außerdem umgerechnet in Rubel? So billig ist nicht einmal mein chinesischer Toaster aus Edelstahl mit der herausnehmbaren Krümeltasse, ein tiefrotes Hightech-Produkt aus der Fließbandhaltung der dynamischen Sonderwirtschaftszone von Shenzhen.

Mein neuer Lenin ist sogar in Bleisatz gedruckt, samt faksimilierten Briefen. Ich habe mir Band Nummer 18 gekauft, weil mich diese Phase der Geschichte kurz vor Krieg, Revolution und Untergang besonders interessiert. Band 18 behandelt die Zeit von April 1912 bis März 1913. Da trieb sich Wladimir Iljitsch Uljanow in Paris, Leipzig und Krakau herum. Er war noch nicht weltberühmt und schrieb vor allem für obskure russische Zeitungen. Sein Interesse kannte keine Grenzen. „Russen und Neger“ hieß einer der besseren Aufsätze für „Die rote Flur“, „Kapitalismus und ,Parlament‘“ ein anderer. Er dachte gar über die Schweiz (eine Republik der Lakaien) nach, er wütete gegen den Intriganten Trotzki (der in Wien eine Wahrheit namens „Prawda“ verbreitet hatte) – Dutzendware eines politisch frustrierten Emigranten.

Damit sich aber der Euro für Lenin amortisiert, möchte ich wissen, was er damals von Umverteilung hielt. Am 30. November 1912 schrieb er in der „Prawda“ über „Die Verelendung in der kapitalistischen Gesellschaft“ am Beispiel Deutschlands. Willi II. arm? Es geht um mehr Wohlstand, nicht um mehr Elend, „denn die Millionäre werden immer schneller reich“ – die vier größten von ihnen in Preußen hatten 1907 ein Vermögen von 149 Mio. Mark, 1908 aber von 481 Mio. Also her mit dem Zaster! Ich frage mich, wer vor mir an Lenins Kiste war. Rudas? Strache? Der ÖAAB? Die Bände für 1917 waren jedenfalls schon weg.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)

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4 Kommentare
Ka_Sandra
05.02.2012 18:35
1 0

Ich weiß, wer in der Kiste gestöbert hat!

Das war doch sicher dieser Kampfposter "Charles James Fox", der sich in allen Presseforen mit seinem angelesenen Wissen brüstet und ständig auf Nowak, Schellhorn und Fleischhacker losgeht ;-)

Re: Ich weiß, wer in der Kiste gestöbert hat!

welche buchhandlung ist es? dom? vis-a-vis von der ex-zentralbuchh.?

Antworten Antworten Gast: buchhenderl
08.02.2012 17:21
0 0

Re: Re: Ich weiß, wer in der Kiste gestöbert hat!

nö, es handelt sich um Frick International, also eh um die ex-zbh wenn man so will.

Antworten Antworten Ka_Sandra
07.02.2012 14:35
0 0

Re: Re: Ich weiß, wer in der Kiste gestöbert hat!

Keine Ahnung, da müssen’S schon den Mayer fragen; in der Umgebung des Doms gibt es etliche Antiquariate.

Wollen Sie etwa Ihre Bibliothek um ein paar kuriose Schnäppchen bereichern?

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