Über den Umgang mit der Größe alle heiligen Zeiten – Teil II

30.12.2012 | 18:30 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Umarmungen, Verbrüderungen, Küsse – am Silvesterabend drohen selbst den erfahrensten Theaterlibrettisten im entscheidenden Moment die Worte zu fehlen.

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Die hierorts jüngst verhandelte Sache mit den allergrößten Dingen, mit denen wir uns zu den heiligen Zeiten jeweils umgeben, ist noch nicht zu Ende. „Fidelio“, so schrieb ich, hebe sich die Staatsoper bis nach Ostern auf. Da meldete sich sogleich der Intendant des Theaters an der Wien: Roland Geyer sorgt ja nicht nur für inhaltliche Bereicherung der Spielpläne, sondern pocht hie und da auch auf sein ius primae noctis bei Repertoire-Opern.

Schließlich ist das Theater an der Wien – anders als unser Opernhaus am Ring – eine wirklich bedeutende Uraufführungsstätte.

Und da die bekannte Fassung des „Fidelio“ 2013 199 Jahre alt wird, ist es an der Zeit: Nikolaus Harnoncourt dirigiert eine Neuinszenierung am Uraufführungsort. Sie hat schon kurz vor Ostern Premiere. So wird der traditionelle Staatsopern-„Parsifal“ in der Karwoche diesmal nicht nur von einem Zwillingsbruder bei den dank des Engagements von Christian Thielemann neu orientierten Salzburger Osterfestspielen begleitet, sondern auch von zwei „Fidelii“ flankiert. Von den großen Klassikern, darum ging es ja, kann man eben nie genug kriegen.

Damit zurück zu den laufenden Festlichkeiten. Es geht auch um den Kuss. Nicht den von Klimt. Das Klimt-Jahr geht ja formell zu Ende (in Wirklichkeit hört es wie das Mozart-Jahr niemals auf). Geküsst wird auch in der „Fledermaus“ – noch so ein Dauerbrenner, der an der Wien das Licht der Welt erblickt hat, am Ring aber so konsequent wie unverschandelt gepflegt wird.

Es ist viel kommentiert worden: In diesem Werk kommt die Handlung im zweiten Akt völlig zum Erliegen – und wo Librettist wie Komponist nicht mehr ein und aus wissen, greifen sie zur List: Alle müssen Bruderschaft trinken. Sogar der Text verflüchtigt sich und wird zu den melodiösesten sinnlosen Silben aller Zeiten: Duidu, duidu. Lala, la la-la-la.

„Diesen Kuss der ganzen Welt“ hieß dasselbe, als Dichter noch Worte fanden. Das ist eben der Unterschied zwischen der anbrechenden Moderne mit ihrem Realismus und der hehren Klassik. Deshalb musizieren die Symphoniker parallel zur „Fledermaus“ unverdrossen die Neunte: Schiller mal Beethoven für alle, die beim Friedensgruß den Krawattenknopf noch nicht gelöst haben.

Apropos: Die Staatsoper hat heuer ein zauberhaftes Zeichen für den neuen Stil des Hauses veröffentlicht: Die traditionelle Grußkarte zieren liebevoll aus allen Repertoire-Ecken gesammelte Opern- und Ballettküsse.

In diesem Sinn – mein Neujahrsgruß an das geneigte Publikum: Vielen Dank, dass Sie sich den Zwischentönen sogar noch am letzten Tag des alten Jahres bis zur letzten Zeile widmen. Ein Duidu, mit Handkuss, versteht sich, für die Leserin. Ein Lalala, ohne modische Bussi-Bussi-Attitüde, für den Leser.

 

wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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