In den Vierzigerjahren des 20.Jahrhunderts spielen Wagners „Meistersinger“ in Graz. Gegen solche „Modernisierung“ hätte der Musikfreund wenig einzuwenden, wenn sie durch den Erzählfluss der Regie motiviert und mit der Geschichte, die Wagner gedichtet und komponiert hat, logisch zu verknüpfen wäre. Doch, wie sooft, bleiben auch in Graz historische „Korrekturen“ aufs Dekor beschränkt, tragen nichts zum Verständnis des Werks – oder zur anderen Wahrnehmung desselben – bei.
Würde man um die mit wenigen Ausnahmen klassisch-realistische Grazer Regiearbeit ein ebenso realistisches Bühnenbild drapieren, dann hätte der Zuschauer fünfeinhalb Stunden lang das Gefühl, er säße in einer recht guten Aufführung von Wagners „Meistersingern von Nürnberg“. Eine solche scheint jedoch aus welchen Gründen auch immer anno 2009 nicht erstrebenswert zu sein. Man geniert sich heutzutage offenbar dafür, eine Oper einfach handwerklich sauber auf die Bühne zu bringen.
Mag man es nun als ersten Schritt zu einer „Normalisierung“ der allseits beklagenswerten Situation bezeichnen, dass sich ein Regisseur mittlerweile wenigstens traut, einfach die Handlung nachzustellen. Offenbar muss aber nach wie vor eine optische Tatsachenverbiegung stattfinden, um die „Neuinszenierung“ eines Klassikers zu rechtfertigen.
Solange das so ist, sollten sich die Produzenten überlegen, wie eine Umdeutung eines Werks jeweils auszusehen hätte, die für den Betrachter dechiffrierbar neue Aspekte eines Werks beleuchtet, ohne es in seiner Grundsubstanz zu (zer)stören. Wo das nicht gelingt, entlarvt sich Verfremdung stets als Scharlatanerie. Ließe sich nicht einmal der Versuch anstellen, ob dem heiß ersehnten „jungen Publikum“ ein Stück wie die „Meistersinger“ nicht ganz ohne neue Zutaten attraktiv genug erscheinen könnte? Derzeit hat es kaum die Chance, das auszuprobieren...
wilhelm.sinkovicz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2009)















