... höchst ironisch, denn selbstverständlich war sie der Inbegriff der Primadonna, wenn sie auf der Bühne erschien, auch wenn in „Don Carlos“ vielleicht Mirella Freni, im „Troubadour“ Leontyne Price die sogenannten „Primadonnen-Partien“ gesungen haben mögen. Dann war die Vertreterin des tieferen Stimmfachs eben die „andere erste Sängerin“.
Nicht anders verhielt sich das bei Giulietta Simionato, einer Sängerin von raumgreifendem Stimm-Format. So viel können auch die zwei Generationen von Opernfreunden erkennen, die von der bedeutenden Interpretin nur noch Aufnahmen hören konnten, weil die Simionato wusste, wann es Zeit war, sich von der Bühne zurückzuziehen. Dennoch scheinen sich alle bewusst, dass uns vorige Woche – knapp vor ihrem 100. Geburtstag – eine Legende verlassen hat, Symbolfigur für eine Ära, auf die manche heutige Kommentatoren gern ein wenig mit Herablassung blicken.
Es sei damals, so heißt es, mit allzu wenig bis gar keinem Stilempfinden gesungen und musiziert worden. Tatsächlich hat die Sing- und Spielweise der Generation der Simionato mit dem von der Originalklang-Mode inspirierten Stilbewusstsein unserer Zeit wenig zu schaffen. Freilich: Was nützt alles Wissen um schlanke Tongebung und den rechten Ton der „Opéra comique“, wenn man beispielsweise angehörs einer Duettszene wie jener im zweiten Akt der „Carmen“ Gänsehaut bekommt? Weil die Stimmen der Sänger ganz unmittelbar die Leidenschaften und Seelenwirren der handelnden Personen fühlbar machen: nachzuhören auf dem Livemitschnitt der von Herbert von Karajan dirigierten Mailänder Scala-Aufführung der Bizet-Oper, in der die Simionato an Giuseppe Di Stefanos Seite demonstriert, was Musiktheater sein kann – das mag „stilistisch“ nichts für Puristen sein. Aber Oper, so lebendig, wie sie nur sein kann – und wie sie die Erinnerung an ihre Interpreten lang noch wachhalten wird!
wilhelm.sinkovicz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2010)
















