25.05.2012 13:10 | Meine Presse Merkliste 0

Das Neujahrskonzert, gut und schön – und was sonst?

WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Wer erleben will, was die heimische Kultur kann – und diese nicht mit dem Musikantenstadl verwechselt – muss auf Arte umschalten.

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Neuigkeiten vom Küniglberg lesen sich immer amüsant. Vorausgesetzt, man hat einen guten Magen, darf man die (Partei-)Freunderlwirtschaft, die in der ORF-Führung so ungeniert betrieben wird, vielleicht als besonders komödiantische Ausprägung österreichischer Umgangs-Kultur betrachten.

Fragen nach der Kultur und wofür unsereiner die GIS-Gebühr entrichtet, sind damit wahrscheinlich hinreichend beantwortet. Viel anderes und Exklusiveres als den unappetitlichen Postenschacher unter Eingeweihten hat das Institut ja nicht anzubieten.

Die Anmutung, ein öffentlich rechtlicher Sender hätte – zum Jahreswechsel zumal – Flagge zu zeigen und sich als Kulturmotor eines Landes zu erweisen, scheint rettungslos altmodisch. Waren das Zeiten, als ein Generalintendant noch davon schwärmte, einem Kulturinstitut vorzustehen und es als dessen vornehmste Aufgabe bezeichnete, das Publikum zu bilden – wenn es sein müsse, „meuchlings“.

Ich frage mich oft, was Gerd Bacher über die Begebenheiten in jener Institution, die einstmals die seine war, heute so denkt. Waren das Zeiten, als ganz selbstverständlich nach jeder Premiere in einem besseren Wiener Haus Karl Löbl als Kulturchef des ORF nach nächtlichem Nachrichtenblock live auf dem Bildschirm erschien, um der Menschheit mitzuteilen, was in Burg und Oper so alles passiert.

Ganz gleich, ob ihm etwas gefiel oder nicht: Solange Bachers Kultur-Zerberus engagiert seine Meinung abgab, wusste die Nation, dass das, was hierzulande im Kulturbetrieb produziert wird, wichtig zu nehmen ist.

Heute wissen nur noch die Ausländer, die Österreich besuchen, dass das Einzige, was dieses Land an Nennenswertem zu bieten hat, die Kultur ist, jene Kultur, von der das öffentlich-rechtliche Medienimperium so gut wie keine Kenntnis mehr nimmt. Was anderes als eben aktivierte Kompetenz-Ballung – Österreichs führender Dirigent und der Doyen der heimischen Regiekunst nehmen sich der „Fledermaus“ an (siehe oben) – wäre kommentierens- und sendenswert?

Und wer zeichnet auf und sendet und bringt die Aufführung in die Welt, ordnet sie, wie diesfalls geschehen, in den internationalen Kontext zwischen die großen Silvesteraktionen Europas und der New Yorker Met? Der deutsch-französische Sender Arte. Dort war der zweite Akt der „Fledermaus“ live zu erleben. Dort wird die ganze Aufführung gesendet. Dort sieht man Kultur aus ganz Europa, auch aus Wien.

Vielleicht sollte man die GIS-Gebühren in Richtung Arte umleiten – zumindest so lange, bis die Herrschaften auf dem Küniglberg sich ihre Posten zugeschanzt haben und irgendjemand dort oben sich wieder des sogenannten „Kulturauftrags“ besinnt – mit dessen Erfüllung allein jegliche „Gebühr“ zu begründen wäre.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2012)

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7 Kommentare
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Ein Zwischenton? - Ein Aufschrei!

Einverstanden bin ich mit den Zwischentönen vom 2.1.2012 bis auf eines: ich habe einen guten Magen, kann mich aber leider nicht mehr amüsieren. Dieser erwähnte, letzte Anlauf zu einem unappetitlichen Postenschacher beweist ja nur einmal mehr, daß der ORF-Direktor nicht nur keine Ahnung von Programmgestaltung hat, sondern nicht einmal die Gesetze des von ihm geführten Unternehmens zu kennen scheint. Das ist nicht nur unappetitlich, sondern auch noch dumm.
Ansonsten ist der beschriebenen, bitteren Wahrheit nicht mehr viel hinzuzufügen. - Man dankt.

Merker
02.01.2012 18:21
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Was ist vom Kulturauftrag geblieben

Man sagt so locker vor sich hin, dass der ORF seine nicht gerade niedrigen Gebühren nicht zuletzt deshalb erhält, weil er seinem Kulturauftrag nachkommen muss. Tatsache ist, dass dies nicht der Fall ist, wie die nichtübertragene Fledermaus beweist. Es werden auch Übertragungen aus unseren Theatern oder Festspielen zu Zeiten angesetzt, zu denen ein arbeitender Bürger nicht in der Lage ist zuzusehen (Salzburger Festspiele!?). Die "Stadlgesellschaft" hat die Programmauswahl übernommen.

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Re: Was ist vom Kulturauftrag geblieben

der Kulturauftrag des ORF beginnt erst ab 23 h, egal ob Oper, Diskussion oder Doku.

Gast: Torbjoern Skjellum
02.01.2012 17:40
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Orchester ohne Frauen

Noch einmal habe ich mit Bewunderung und Freude das Muzisieren der W. Philharmoniker am Anfang des neuen Jahres gesehen/gehört.
Ich - 75 Jahre alt, Mann- kenne Österreich recht gut, war dort oft zu Besuch, aber ich frage mich: Ist das Land wirklich so urkonservativ, oder sind die Wiener Philharmoniker die grossartige Insel einer völlig veralteten Einstellung zu der Gleichberwechtigung der Frauen? Wo gibt es sont ein gutes Orchester, wo keine einzige Frau mitspielt? Ja, natürlich spielt eine Frau die Harfe, aber sonst keine, keine. Man fragt sich, wie ein fortschrittliches Land sich so eine Missachtung der Frauen überhaupt leisten kann. Das Neujahrskonzert vermittelt grossartige Kultureindrücke mit einem Beigeschmack. Das Programm ist traditionell, ein bisschen altmodisch, aber schön. Das Fehlen von Frauen im Orchester vermittelt den Eindruck, dass das Orchester sich noch im Zeitalter der Strauss-Familie befindet. Das ist nicht schön.

Torbjoern Skjellum /Oberstudiendirektor em.

Antworten Lignano
05.01.2012 18:40
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Re: Orchester ohne Frauen

Stimmt schon lange nicht mehr, es gibt auch eine Konzertmeisterin!

Gast: SinkoHatMalRecht
02.01.2012 11:51
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Gartenzwerg

Jetzt wollte ich mich schon darüber aufregen, dass Sinkowicz seinen FWM als "Österreichs führenden Dirigenten" tituliert - aber da fällt mir auf: er hat, relativ betrachtet, recht. Es gibt einfach zur Zeit keinen anderen Österreicher neben Herrn Möst, der, warum und durch welchen üblen Scherz des Universums auch immer, in der Oberliga dirigiert. Oder fällt jemandem einer ein?

Antworten Merker
02.01.2012 18:31
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Re: Gartenzwerg

Anstatt froh zu sein, dass wir einen verlässlichen und guten Dirigenten haben, wie es Franz Welser-Möst nun einmal ist, versuchen viele ihn unsachlich zu kritisieren. Seine RING-Interpretation und seine Leistungen im Repertoire sind tadellos. Muss man unbedingt ein Ausländer sein um in Wien anzukommen?

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