Es ist bekanntlich alles relativ. In Kunstdingen sowieso, da heißt es auch dort, wo man meinen möchte, Dinge seien nachweislich falsch, es käme lediglich auf den persönlichen Geschmack des Konsumenten an. Wie auch immer, es bleibt doch zweifelhaft, ob sich eine junge Geigerin, die ihr wertvolles Instrument in einem Bus vergisst, mit der Erkenntnis über den Verlust hinwegtrösten kann, dass den Unterschied zwischen Stradivari und Nicht-Stradivari nicht einmal Fachleute erkennen können.
Wer jetzt meint, dies sei eine unzulässige Übertreibung, der irrt. Gesetzt den Fall, man darf wissenschaftlichen Untersuchungen im heiklen Kulturterrain trauen, dann lohnt sich ein Blick nach Paris. Dort hat man jüngst nachzuweisen versucht, dass es um akustische Dichtung und Wahrheit noch viel schlimmer bestellt ist, als man in Albträumen für möglich hielte.
Es begab sich in einem Hotelzimmer, das vorsorglich abgedunkelt war und in dem sich fast zwei Dutzend Meistergeiger einfanden, um sich mit verbundenen Augen einem Test zu unterziehen. Vielmehr unterzogen die Musiker Instrumente einer strengen Überprüfung.
Zwei Stradivari-Geigen, eine Guarneri und drei moderne Violinen standen zur Auswahl. Und wie so oft ist bei dem Spiel das Gegenteil dessen herausgekommen, das man erwartet hätte.
Nur acht der 21 Testpersonen kürten eine Stradivari. 13 bevorzugten eines der modernen Instrumente. Nicht genug damit, eine der beiden Werke des berühmtesten aller Geigenbauer landete bei der Punktewertung an letzter Stelle. Ein Sieg der modernen Handwerkstechnologie, wenn man so will.
Es ist schon so, man kann die Hörbalancekräfte auch überschätzen. Wie war das damals, als man die unglückselige Münchner Philharmonie am Gasteig eröffnete? Einer der berühmtesten Pianisten ließ vor seinem ersten Recital im neuen Saal den Flügel stundenlang hin- und herrücken, um die ideale Position zu finden, das Instrument doch irgendwie attraktiv zum Klingen zu bringen.
Unser Friedrich Gulda erntete zwei Wochen später Ovationen, ohne sich auch nur einen Deut darum geschert zu haben, wo das Klavier stand: „Aber geh“, hat er damals gesagt, als wir Verehrer ihn darauf ansprachen, „wir haben das Klavier reing'schoben, und i hab g'spielt.“
Ja, eh. Es kommt schon immer darauf an, wer spielt. Auch im Gasteig. Sogar in unserem Musikvereinssaal haben die Karyatiden schon schlechte Konzerte gehört; und keiner konnte sich auf die Akustik ausreden.
Übrigens: Eingangs erwähnte Geigerin hat ihr Instrument vom Putztrupp der Busgesellschaft zurückbekommen. Wahrscheinlich spezialisieren sich Geigenhehler seit der Pariser Studie ohnehin auf neue Instrumente.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2012)















