25.05.2012 13:10 | Meine Presse Merkliste 0

Die Sache mit dem Hören: Achtung Blindverkostung!

Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Seit in Paris nachgewiesen wurde, dass Geiger neue Instrumente alten Meisterwerken vorziehen, kann man Violinen auch im Bus liegen lassen.

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Es ist bekanntlich alles relativ. In Kunstdingen sowieso, da heißt es auch dort, wo man meinen möchte, Dinge seien nachweislich falsch, es käme lediglich auf den persönlichen Geschmack des Konsumenten an. Wie auch immer, es bleibt doch zweifelhaft, ob sich eine junge Geigerin, die ihr wertvolles Instrument in einem Bus vergisst, mit der Erkenntnis über den Verlust hinwegtrösten kann, dass den Unterschied zwischen Stradivari und Nicht-Stradivari nicht einmal Fachleute erkennen können.

Wer jetzt meint, dies sei eine unzulässige Übertreibung, der irrt. Gesetzt den Fall, man darf wissenschaftlichen Untersuchungen im heiklen Kulturterrain trauen, dann lohnt sich ein Blick nach Paris. Dort hat man jüngst nachzuweisen versucht, dass es um akustische Dichtung und Wahrheit noch viel schlimmer bestellt ist, als man in Albträumen für möglich hielte.
Es begab sich in einem Hotelzimmer, das vorsorglich abgedunkelt war und in dem sich fast zwei Dutzend Meistergeiger einfanden, um sich mit verbundenen Augen einem Test zu unterziehen. Vielmehr unterzogen die Musiker Instrumente einer strengen Überprüfung.
Zwei Stradivari-Geigen, eine Guarneri und drei moderne Violinen standen zur Auswahl. Und wie so oft ist bei dem Spiel das Gegenteil dessen herausgekommen, das man erwartet hätte.

Nur acht der 21 Testpersonen kürten eine Stradivari. 13 bevorzugten eines der modernen Instrumente. Nicht genug damit, eine der beiden Werke des berühmtesten aller Geigenbauer landete bei der Punktewertung an letzter Stelle. Ein Sieg der modernen Handwerkstechnologie, wenn man so will.
Es ist schon so, man kann die Hörbalancekräfte auch überschätzen. Wie war das damals, als man die unglückselige Münchner Philharmonie am Gasteig eröffnete? Einer der berühmtesten Pianisten ließ vor seinem ersten Recital im neuen Saal den Flügel stundenlang hin- und herrücken, um die ideale Position zu finden, das Instrument doch irgendwie attraktiv zum Klingen zu bringen.

Unser Friedrich Gulda erntete zwei Wochen später Ovationen, ohne sich auch nur einen Deut darum geschert zu haben, wo das Klavier stand: „Aber geh“, hat er damals gesagt, als wir Verehrer ihn darauf ansprachen, „wir haben das Klavier reing'schoben, und i hab g'spielt.“
Ja, eh. Es kommt schon immer darauf an, wer spielt. Auch im Gasteig. Sogar in unserem Musikvereinssaal haben die Karyatiden schon schlechte Konzerte gehört; und keiner konnte sich auf die Akustik ausreden.
Übrigens: Eingangs erwähnte Geigerin hat ihr Instrument vom Putztrupp der Busgesellschaft zurückbekommen. Wahrscheinlich spezialisieren sich Geigenhehler seit der Pariser Studie ohnehin auf neue Instrumente.


E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2012)

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5 Kommentare
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Was wir eh schon wussten:

Musikschreiberlingen kann man jeden Unsinn unterjubeln. Sie werden ihn kaufen!

Gast: nona
09.01.2012 14:28
5 0

"Bild"-Niveau 2

Wieder mal versucht da jemand via Pressemeldung, bloße statistische Erhebungen als "Wissenschaft" zu verkaufen. Als u.a. Instrumentenbauer und Musiker mit langjähriger Berufserfahrung mal folgendes:
1: es gibt keine objektiv messbare Klanggüte bei Instrumenten oberhalb eines bestimmten Qualitätslevels. Das weiss jeder, der sich damit eingehender befasst. Statistisierende "Wissenschaftler" gehören offenbar nicht dazu.

2: Ausnahmeinstrumente sind bekanntlich schwieriger zu handhaben als robuste Durchschnittsware.

3: "Profimusiker" bevorzugen generell und berufsbedingt robuste und unempfindliche, dazu obertonarme Instrumente. Das erfordert ihre Arbeit, bei der es vor allem um Zuverlässigkeit auch unter schwierigen Bedingungen geht und weniger um musikalisches Genie - des Musikers oder des Instruments.

4: Wer sind überhaupt diese "Profimusiker"? Solisten oder Orchestermusiker? Nur erstere legen Wert auf individuellen Klang, der ihnen besondere individuelle Ausdrucksformen ermöglicht. Bei zweiteren ist der eher hinderlich, denn da geht es um das möglichst unkomplizierte Einbringen in den orchestralen Kontext.

5: der individuelle Klang eines Instruments ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel zwischen Instrument und Musiker, der ihn - sofern dazu fähig - "herauskitzeln" kann. Um das zu können, braucht er in der Regel erst mal ein paar Jahre, in denen er sich mit "seinem" Instrument beschäftigt. Erst dann kennt er es nämlich. Ein Nachmittag jedenfalls unte

Gast: nona
09.01.2012 14:27
3 0

"Bild"-Niveau

Leider entspricht dieser Artikel dem mittlerweile auch in der "Presse" vorherrschenden Bildzeitungsniveau. Erst ein Faktum: es handelt sich nicht um "Meistergeiger", sondern um "vorwiegend professionelle Geiger", was immer darunter zu verstehen ist. Auf Wesentliches geht der Schreiartikel gar nicht ein. Geiger von einiger Qualität wissen, daß alte Instrumente in der Nähe weniger, dafür über große Räume absolut tragend wirken, das Gegenteil trifft auf den Großteil von aktuellen Instrumenten zu. Was soll ein Hotelzimmer? Im Zweitkommentar die Antwort eines zuständigen und ernstzunehmenden Lesers im "Spiegel":


periskop
09.01.2012 12:33
2 0

Lauter Unsinn!

Eine Geige klingt in verschiedenen Konzertsälen verschieden und der Unterschied zwischen einem vollen und einem leeren Konzertsaal ist gigantisch!

Eine Geige klingt in einem Hotelzimmer überhaupt nicht ordentlich, nicht einmal dann, wenn es eine Meistergeige ist!

Generationen von großen Geigern und von Kennern im Publikum haben die riesigen Unterschiede zwischen den Instrumenten gehört. Den Klang einer Stradivari von einer Guarneri zu unterscheiden, gelingt sogar weniger ausgebildeten Musikfreunden. Schon allein die Lautstärke dieser Instrumente ist für moderne Nachbauten unerreichbar!

Das alles wiegt viel schwerer als eine lächerliche Versuchsanordnung. Am Wert alter Geigen wird das nichts ändern!


Gast: indy500
08.01.2012 23:53
1 0

auskunft gibt das pickerl

Blickt man durch ein F-Loch in der Decke in die Eingeweide einer vor-industriellen Geige, wird man gar oft einen Zettel mit der Aufschrift "Antonio Stradivari fecit Cremona anno 17.." am Boden erspähen, was die Preisvorstellung des Verkäufers ordentlich beflügelt.
Allgemein erwecken wissenscheftliche Meldungen sogleich Ungläubigkeit, im gegenständlichen Fall boten sich zwei Möglichkeiten dar: Stradivaris der oben beschriebenen Art oder Geiger, welche auch irgendwo aufgepickt einen Zettel mit sich herumtragen auf dem Meistergeiger steht.

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