25.05.2012 13:11 | Meine Presse Merkliste 0

Darf man Verdi kürzen? Nicht, solange Handys läuten!

WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Wenn das Handy in Konzert- oder Opernhaus klingelt, dann muss das nicht nur Grund zum Ärgern, es kann eine Chance zur Besinnung sein.

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Es war eine von jenen täuschend echten Nachahmungen des Telefonklingelns – als es sich noch „Telephonklingeln“ schreiben durfte. Eine Menge von Mobilfunknutzern weiß gar nicht mehr, warum dieses Geräusch älteren Semestern so verhältnismäßig sympathisch im Vergleich zu sonstigen angebotenen Signaltönen ist.

Die sind ja das Einzige, was man heutzutage „wählt“. Nummern tippt man ja ein, das hat mich schon auf den fortschrittlicheren der klassischen Telefone irritiert, weil ich dachte: Was hätte der reizende Verkäufer bei Tiffany's der reizenden Audrey Hepburn an ebenso nützlichem wie erschwinglichem Silberzeug anbieten sollen, wenn nicht den legendären, wunderbaren Wahlhelfer?

Wie auch immer: Der retrospektive Klingeleffekt camoufliert charmant die Tatsache, dass man seinesgleichen früher nur vernehmen konnte, wenn man daheim war, heute aber von ihm allzeit belästigt werden kann. Auch beim Konsum von Musik im Verein mit 2000 Gleichgesinnten.

Das Telefon klingelte also – irgendwo im Parkett. Man gab weiter vorn im Haus gerade „Otello“. Ich war ein wenig dankbar für die Störung, befreite sie mich doch jählings von einem schlimmen Gedanken, der mich befallen hatte, als der Kinderchor gerade zu Mandolinengezupfe seine Stanzen zu Ehren der schönen Desdemona zum Besten gab.

Karajan tat einst recht daran, dachte ich, diesen Ausrutscher des späten Verdi kurzerhand zu streichen, um rasch wieder zur hochdramatischen Sache zu kommen. „Ausrutscher?“, mahnte mich der Klingelton, „ich will dir zeigen, was ein Ausrutscher ist. Ein Strich bei Verdi!“

Ich entschuldigte mich bei Verdi, der auf seiner Wolke gerade dem Kollegen Mahler zuzwinkerte. Dem haben sie vor drei Tagen den Schluss der Neunten Symphonie zerstört. Die New Yorker Philharmoniker unterbrachen das zögerliche Innehalten und Ersterben im äußersten Pianissimo-Bereich– denn der Verursacher der Störung, ein Abonnent in der ersten Sitzreihe, bekam zunächst nicht mit, dass er der Stein des Anstoßes war. Sein Handy war abgeschaltet. Dass der aktivierte Alarm sich dadurch nicht beeindrucken lässt, damit hat der Mann nicht gerechnet...

Kling, Glöckchen? Dann lieber bei Verdis Kinderchor. Hätte man ihn vergangenen Freitag weggelassen, wäre übrigens der heikle Dialog Otello/Desdemona gestört worden. So viel zu Strichen in Meisterwerken.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2012)

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4 Kommentare
Gast: Musica
17.01.2012 20:47
1 0

Man muss doch nicht schreiben, wenn einem nichts einfällt

O.k. ich weiss nicht mehr genau wo, aber da gab es eine Artikel, dass das Handy, wenn schon, dann doch bitte gleichzeitig mit Papagenos Glöckchen klingeln soll oder Ades eine neue Sinfonie mit möglichst vielen erlaubten Handypausen schreiben soll...
Warum ich denn den Artikel gelesen habe? Weil ich nur den Anfang von SIN überflüssig langen Titeln gelesen habe und mir einen sinnvollen Artikel über Striche bei Verdi erhofft habe... Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass da mal auch was Gutes kommt...

Gast: Neugieriger
17.01.2012 07:39
1 1

Immer mehr fragt man sich,..........

..............welchen Sinn und Bedeutung SINs Kommentare haben (oder haben sollten)

Antworten Bolzen
17.01.2012 10:55
0 0

Re: Immer mehr fragt man sich,..........

Den Artikel fand ich eigentlich originell.
Verdi nicht zu kürzen um damit zu erreichen, daß das Handy in einer schlechteren Szene hineinläutet ist ein neuer Ansatz, die Handyproblematik in den Griff zu bekommen.

Antworten Antworten Gast: Neugieriger
17.01.2012 15:02
0 0

Re: Re: Immer mehr fragt man sich,..........

..............natürlich- Sie haben völlig recht.

Ok, dann sollte man schnellstens eine Konferenz aller Handyprovider, Regisseure (und Dirigenten, da die doch noch manchmal was mitzureden haben) einberufen.

Vielleicht geht sich das ja noch für die Don Carlos-Premiere mit FWM aus.

Andererseits könnte man ja die Partituren um Handyklingeltöne anreichern. Da könnte man ja glatt Tantiemen lukrieren.

Also SIN, her mit den Ideen!!!

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