25.05.2012 13:14 | Meine Presse Merkliste 0

Alles für Bach. Wenn es sein muss, auch das Gegenteil

WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Zum Tode des großen holländischen Originalklang-Pioniers Gustav Leonhardt, der in der Vorwoche im Alter von 83 Jahren in Amsterdam starb.

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Pionier ist das Wort, das am häufigsten verwendet wird, wenn es darum geht, Gustav Leonhardts zu gedenken. Der große holländische Musiker ist in der Vorwoche 83-jährig gestorben. Aus der Riege jener, die für historische Genauigkeit in Sachen Aufführungskultur eintraten, ist er seit Jahrzehnten nicht wegzudiskutieren.

Wenn er auch stets betonte, sich nur als einer von vielen zu sehen, die konsequent Hörgewohnheiten auf den Kopf stellten. Oder sie vielmehr erst schufen, denn Leonhardts und seiner Mitstreiter Arbeit war ohne Schallplatten und CDs nicht denkbar. Und die Tonträger waren es, die nicht nur den Ruhm der Pioniere in die Welt trugen – sondern auch das Bewusstsein über den Reichtum der Musik um und vor Bach, Vivaldi und Händel. Besinnung auf originale Spieltraditionen und das Heben der Schätze aus den Archiven, das ging Hand in Hand.

Leonhardt begeisterte sich schon als Teenager für Cembali und Orgeln. Er war noch nicht 24, als ihn die Wiener Musikakademie zum Professor machte. Fast gleichzeitig begann er, mit seinem Consort auf sogenannten Originalinstrumenten zu musizieren. Wobei er als kritischer Geist nie in der Vergangenheit lebte, sondern zukunftsorientiert war und nie verlegen, die eigenen Fehler zu kritisieren und zu korrigieren. Was er in den Fünfzigerjahren tat, fand er zehn Jahre später schon verbesserungswürdig.

Mit Kollegen ging er dann ebenso hart ins Gericht wie mit sich selbst. Und wer da meint, eine legendäre Aufnahmeserie wie jene erste Gesamtaufnahme der erhaltenen Bach-Kantaten, die er im Verein mit Nikolaus Harnoncourt und dessen Concentus musicus erarbeitet, müsse auf gemeinsamer Aufbauarbeit basieren, den wies Leonhardt scharf zurecht: Es hätte gar keine Zusammenarbeit gegeben, man hätte sich lediglich die Studiotermine und die Stücke aufgeteilt.

Leonhardts musikantischer, elegant-beweglicher, nie trocken-forscher Musizierstil hat jedenfalls Hörer und Künstlerkollegen gefesselt. Manche seiner Aufnahmen gelten unter Kennern als Meilensteine, die Einspielung des gemeinhin als kaum aufführbar geltenden „Musikalischen Opfers“ von Bach beispielsweise, die er mit den Gebrüdern Kuijken (für Philips) erarbeitet hat.

Wobei auch Sigiswald Kuijken, der Wegbegleiter, nicht vor Leonhardts Kritik sicher war, sobald er etwa Chöre bei Bach – wie Joshua Rifkin – mit Solostimmen besetzte. Derlei fand Leonhardt lächerlich und ganz gegen den Geist der Musik. Da konnte er ganz apodiktisch sein – und das Schönste daran war: Seine Meinung konnte sich grundlegend ändern und wurde dann ebenso apodiktisch widerlegt.

Solch unbändige Lust an der Dynamik spricht auch aus den meisten von Leonhardts Interpretationen, die er uns hinterlassen hat. So bleibt er uns unverloren.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2012)

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