25.05.2012 13:15 | Meine Presse Merkliste 0

Orchestermusiker sollten nicht arbeitslos werden

WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Leipzig will "Musikstadt" werden, Barcelona sperrt sein Opernhaus zu, Wien widmet seiner Staatsoper eine Probebühne. Krisensymptome?

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Dass die Krisengewinnler mit ihren weltumspannenden Jonglier-Abenteuern allenthalben auch den Kulturbetrieb in Gefahr bringen würden, war von Anbeginn klar. Vor allem dort, wo dieser nicht ein selbstverständlicher Teil des Lebens ist. Wobei das selbstverständlich hier gar nicht im Hinblick auf ein kulturelles Bewusstsein gemünzt ist. An ein solches zu appellieren, verbietet sich in Zeiten, in denen es nur noch ums Geld geht, von selbst.

Man muss die Perspektive wechseln. In Deutschland weiß man längst, dass unter dem Strich mit Kultur Geld zu verdienen ist. Darum buhlt man um Nominierungen auf Unesco-Listen. Leipzig will dort demnächst als „Musikstadt“ verzeichnet sein. Man darf vermuten, dass das wenig mit dem Hunger nach guten Mendelssohn- und Schumann-Aufführungen zu tun hat als mit dem nach Devisen, die solche Aufführungen bringen, wenn sie von einer internationalen Klientel besucht werden.

Zur Mobilisierung derselben ist es wichtig, in den entsprechenden Katalogen aufzuscheinen. Und die „Weltkulturerbe“-Liste ist wahrscheinlich einer der nachhaltigsten Reiseprospekte.

Wie das ist, wenn eine Stadt fremdenverkehrstechnisch eher mit Schlagzeilen über Taschendiebe als mit solchen über Sang und Klang assoziiert wird, kann man derweilen an den Ramblas studieren. Barcelona, definitiv nicht einmal für die Unesco eine „Musikstadt“, hat zwar ein prächtiges – nach einem Großbrand sogar liebevoll wieder restauriertes Opernhaus. Dieses aber hat nicht mehr genug Geld, um den gewohnten Stagione-Betrieb mit zwölf Produktionen pro Spielzeit problemlos durchzuführen.

Schon der Spielbeginn wurde um Wochen hinausgezögert. Nun wird man noch im Frühling zweimal für einige Wochen schließen und das künstlerische Personal (auch das gesamte Orchester) stempeln schicken.

Das liest sich in Wien wie eine exotische Botschaft. Da haben wir gerade eine Probebühne für die Staatsoper eröffnet, die es möglich macht, in Originaldekorationen zu probieren, ohne dass die Bühne des Hauses am Ring tagelang blockiert ist. Was wiederum so zukunftsträchtige Aktionen ermöglichen wird wie Aufführungen von Kinderopern in der Staatsoper selbst, nicht in einem ausgelagerten Zelt auf deren Dach.

Damit künftige Generationen das faszinierende Theatererlebnis samt Orchestergraben und Logenrund recht früh süchtig machen möge.

Wobei, noch einmal sei's gesagt, schon klar ist, dass nicht wegen solcher Kulturlüste unser Steuergeld, wenn auch seit Jahren „gedeckelt“, aber dennoch so scheinbar selbstverständlich in den Kulturbetrieb fließt, sondern weil selbst amusischsten Politikern längst klar ist, was es wirtschaftlich bedeuten würde, wenn die Staatsoper – wie das Teatro Liceo – plötzlich ein paar Wochen geschlossen hielte.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)

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