Extremwerte stecken die Philharmoniker dieser Tage ab. Unter der Leitung von Lorin Maazel musizieren sie im hohen Norden und in den USA Musik, die man in den Gastländern sehr gut kennt, die aber hierzulande völlig fremd geblieben ist.
Anders kann man es nicht nennen. Dass im Philharmonischen am Wochenende unter Maazels Leitung nicht eine, nicht zwei, nein, gleich drei Symphonien von Jean Sibelius erklungen sind, das darf als absolutes Unikum im hiesigen Konzertleben gelten. Rückt man geografisch in die Nähe des finnischen Nationalkomponisten, dann ändern sich die Dinge natürlich: Wer in Kopenhagen und Oslo gastiert, trägt Eulen nach Athen.
Auch in Amerika kennt das Konzertpublikum Sibelius besser als Bruckner. Umso spannender die Frage: Wie wird man dort auf eine Interpretation reagieren, in der Musiker dieselbe Musik, die ein Wiener Orchester als ungewöhnliche Herausforderung wahrnimmt, ganz selbstverständlich aufspielen? Und das, obwohl – das ist die historische Pointe an der Sache – just die Philharmoniker unter Maazel in den ersten Jahren ihrer mittlerweile 50-jährigen Partnerschaft im Wiener Plattenstudio eine bis heute als epochemachend geltende Gesamtaufnahme der Sibelius-Symphonien erarbeitet haben.
Das waren freilich noch Zeiten, da investierten Plattenfirmen viel Geld in solche Prestigeprojekte – und man hatte Zeit, im Studio die (nicht nur bis dahin, sondern bis heute) den meisten Wiener Instrumentalisten völlig unbekannte Musik einzustudieren.
Solche Aperçus mögen sich amüsant ausnehmen am Beginn einer Woche, die – apropos Extremwerte – mit der Platin-Preisverleihung an die Philharmoniker beginnt: Vom Neujahrskonzert unter Mariss Jansons hat man so schnell wie nie zuvor die nötigen zigtausend CDs und DVDs verkauft.
Das sind natürlich Klänge, die spielen die Wiener im Schlaf – mehr oder weniger buchstäblich am Neujahrstag, egal, wer am Dirigentenpult steht; und doch, wie man gerade bei Jansons gehört hat, sehr sensibel differenziert nach Gusto und Vorstellung des jeweiligen Maestros. Solche Paradoxa der höheren Ordnung, bei der die eigentliche Kunst der Interpretation ja eigentlich erst beginnt, wird man bei Sibelius wahrscheinlich nie erleben.
Die Begegnung mit dem musikalisch Ungewohnten, Exotischen oder Exzentrischen geht übrigens diese Woche weiter – etwa wenn Otto Lechner im Kuppelsaal der TU das Akkordeonfestival eröffnet, oder der originelle Organist Cameron Carpenter das Rieseninstrument in Wiener Konzerthaus wieder einmal für eine Orgelshow nutzt. Es stimmt ja nicht, dass Wien nur von Walzerklängen lebt – sogar am Opernball war diesmal das eindeutig Aufregendste eine von Georges Pretre brillant dirigierte Rossini-Ouvertüre...
wilhelm.sinkovicz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)















