Riccardo Muti gab am vergangenen Wochenende den Auftakt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Maestro dirigierte das erste Konzert in einem singulären Abonnementzyklus der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde. Deren Wahrzeichen, den dank Neujahrskonzert-Übertragungen weltberühmten „goldenen Musikvereinssaal“ gibt es zwar erst seit 1870. Aber die Gesellschaft existiert ununterbrochen seit 1812.
Grund genug also, den 200.Geburtstag ausgiebig zu feiern. Zwei Spielzeiten stehen im Zeichen des Jubiläums. Und der Jubiläum-Zyklus soll eine tönende Demonstration sein. Nicht nur, dass die Gesellschaft in ihren Konzerten mittlerweile sozusagen aufs Selbstverständlichste alle bedeutenden Musiker der Welt vereint und Jahr für Jahr zum Stelldichein bittet.
Sie macht ihrer Gründungsabsicht nach wie vor alle Ehre. Konzerte sollten veranstaltet werden, aber auch Musik gesammelt und Musiker ausgebildet. Das „Konservatorium“ ist zwar Anfang des 20.Jahrhunderts ausgezogen und hat sich – derzeit als Musikuniversität – selbstständig gemacht. Wo einst Anton Bruckner unterrichtete, befinden sich heute neue Pausenfoyers.
Aber die Sammlungstätigkeit des von Otto Biba geleiteten Archivs sorgt dafür, dass eine der bedeutendsten Bibliotheken der Welt in den modern gesicherten Speicherräumen des Hauses beheimatet ist. Der gesamte Nachlass von Johannes Brahms bildet zum Beispiel einen bedeutenden Grundpfeiler der Musikaliensammlung, die Wissenschaftlern und Musikern hier zu Verfügung steht.
In den Festkonzerten werden nun Werke aufgeführt, deren Manuskripte im Musikverein-Archiv aufbewahrt werden. Nicht nur der von Muti und den Philharmonikern inaugurierte Zyklus im großen Saal, auch Kammermusik in den neuen Sälen widmet sich diesem Gedanken. Gleich morgen, Dienstag, geht es mit dem philharmonischen Steude-Quartett weiter: Neben Beethovens op.127 ist da die Uraufführung eines kürzlich gefundenen Werks von Erich Wolfgang Korngold zu hören.
Der Meister der „Toten Stadt“ hat seine Schauspielmusik zu Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ nicht nur zu einer Violinsuite arrangiert, sondern auch drei Sätze daraus für Streichquartett umgeschrieben. Dieses Quartett ist noch nie aufgeführt worden. Das Manuskript konnte vor Kurzem für die Musikverein-Bibliothek erworben werden.
Also bietet sich ein Geburtstagskonzert der Gesellschaft der Musikfreunde für die erste Präsentation an: Korngold-Premieren sind wohl nicht mehr so häufig zu erwarten. Und das eingangs gespielte Es-Dur-Quartett von Luigi Cherubini sollte Kenner auch interessieren – Schöpfung eines Zeitgenossen, den Beethoven als vollgültigen Kollegen anerkannte.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2012)















