Die Volksoper spielt die „Pompadour“. Die Tatsache, dass man eine solche Premiere, gleich wie man ihre künstlerische Qualität bewerten mag, als Meilenstein betrachten muss, spricht für sich: Da ist eine Spieltradition verloren gegangen. Es wird, um die Unterhaltungskönigin aus einem anderen Genre zu zitieren, „keine kleine Mühe kosten“, die nötige Selbstverständlichkeit im Umgang mit der leichten Muse wieder zu erreichen.
Man sollte sich weiter darum bemühen, denn die Überlebensstrategie der Volksoper kann letzten Endes nur lauten, sich als ein Museum für Operette und Spieloper zu etablieren, wie die Staatsoper eines für das große Opernrepertoire zwischen Mozart und Britten geworden ist.
Zur nötigen weiteren Beschäftigung mit dem Phänomen Unterhaltungstheater der Ära nach 1900 fehlt es freilich auch an Lektüre. Nur in Einzelfällen sind brauchbare Abhandlungen greifbar. Ein Kleinod unter den jüngeren Publikationen ist das vom Operettenkenner Stefan Frey in der Wiener Edition Steinbauer publizierte Buch über Leo Fall, das interessierten Musikfreunden, apropos „Pompadour“, zur weiterführenden Beschäftigung ans Herz gelegt werden kann.
Zumal Frey im Verein mit den beiden Experten Christine Stemprok und Wolfgang Dosch nicht nur ein wohl recherchiertes, sondern auch ein gut lesbares Buch geschrieben hat, das vor der Auseinandersetzung mit den existenziellen Problemen, denen Falls Erben ausgesetzt waren, nicht zurückschreckt, nicht zuletzt aber ein fundiertes Charakterporträt eines Exponenten der typisch österreichischen Kulturszene jener Zeit zeichnet.
Stefan Frey, der im persönlichen Gespräch übersprudelt vor Wissen über die Hochphase der wienerischen Operette, vermittelt, was er so eloquent zu erzählen vermag, auch als Autor mit Verve: Wie der talentierte Sohn eines jüdischen k.u.k. Militärkapellmeisters in die Mühlen der Operettenindustrie gerät, wie er Millionen verdient und leichtfertig wieder aus dem Fenster wirft, wie er fast zerrieben wird von den vertraglichen Verpflichtungen gegenüber mehreren Verlagen – und bei aller Knebelung durchs Chanson-Schreiben niemals ablässt, von seiner eigentlichen Berufung zu träumen: Opern zu komponieren ...
Schon die Zahlenspiele – ganz konkret untermauert – machen den heutigen Betrachter schwindlig: 2000 Aufführungen des ersten Sensationserfolgs, „Der fidele Bauer“, rechnet Frey vor, das entspreche einem „Gegenwert von heute etwa einer halben Million Euro“. So etwas lässt süchtig werden, auf beiden Seiten der Front: „Innerhalb dreier Jahre“, sagt Frey, „war Fall verschiedenen Verlagen 15 Operetten schuldig.“ Wie viele Partiturseiten da zu schreiben waren? Und Einfälle? Die kamen! Man kann es nachhören. Auf in die „Pompadour“, sie ist das brillante „Spätwerk“ eines mit 53 Jahren früh Verstorbenen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)















