Sind die 2010er-Jahre die neuen 1960er? Beobachtet man die jüngsten Entwicklungen in der bildenden Kunst, könnte man fast an solche schicken Vergleiche glauben. Nach der hedonistischen Feier des Schönen und Teuren an der Schwelle des neuen Millenniums ist Kunst plötzlich wieder politisch. Kunst muss plötzlich politisch sein! Von der Documenta 13 über Curated By bis zum Steirischen Herbst.
Die verurteilten russischen Aktivistinnen Pussy Riot sind die Spitze dieser Ansage. Ihr Nährboden ist das anarchistische Street-Art-Kollektiv Voina, Krieg, zu dem sie zählen. Im Frühjahr bereits waren Voina als Ko-Kuratoren der Berlin Biennale eingeladen, deren Ziel es war, Kunst zu unterstützen, die nachhaltige politische Wirkung hat. Liest man die damaligen Interviews mit einem der Voina-Gründer, schaudert es einen: „Kunst darf heute nur noch politisch sein und sonst nichts. Alles, was keine Politik ist, ist keine Kunst, sondern nur eine tote Vogelscheuche gefüllt mit Scheiße und Reflexion. [...] Wir sind Anarchisten. Das Ziel ist die Zerstörung des Staates.“
Das sollten sich alle vorbehaltlosen Unterstützer der hübschen Damen einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ihnen geht es also nicht nur um eine Kritik an Putin und den russischen Verhältnissen. Auch in einer Vorzeigedemokratie würden sie – wie in ihren Aktionen – Polizeiautos anzünden, Gruppensex in Museen haben und tiefgekühlte Hühner in ihren Vaginen aus Konsumtempeln entwenden. Klingt lustig. Meint aber Anarchie pur. Daran erinnerte gerade angesichts der weltweiten Solidarisierungen auch ein Kommentator in der „New York Times“.
Die bürgerliche Solidarisierung mit den radikalen Anarchisten ist allerdings schon wieder die Rache des Systems. Noch böser ist nur noch die spätere Kanonisierung in die Kunstgeschichte, wie man sie an den Wiener Aktionisten beobachten konnte, ebenfalls radikale Anarchisten, die jetzt vom Staat einer nach dem anderen eigene Museen in den Bundesländern gestiftet kriegen (gut, Muehl wird wohl keines bekommen).
Den Vergleich zwischen den Wiener Aktionisten und den Pussy Riots hat an dieser Stelle im Frühjahr schon die Wiener-Aktionismus-Expertin Eva Badura-Triska gezogen. Nur sprechen wir hier über zwei unterschiedliche Ligen. Die Wiener Aktionisten haben sich trotz aller Weltherrschaftsfantasien immer im Kontext der Kunst gesehen. Sie haben keine Schüttaktionen im Stephansdom abgehalten, keine Polizisten geküsst und nicht in ihren Eingeweiden Doppler Wein aus dem Meinl am Graben geschmuggelt.
Auch bei der Uni-Ferkelei war klar, das ist Kunst. Die wenn auch umstrittene Form war wichtiger als der Inhalt. Bei den Pussy Riots und Voina ist es umgekehrt. Hier steht die Message im Vordergrund. Und die sollte man dann auch ernst nehmen.
E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)















