Sag niemals Witwe zu ihr! Wie Deutschland Yoko Ono entdeckt

19.02.2013 | 18:22 |  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Yoko Ono beginnt zu ihrem 80.Geburtstag einen künstlerischen Siegeszug durch Europa. Die Schirn-Kunsthalle Frankfurt feiert sie seit dieser Woche als Konzeptkunst-Pionierin.

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In den Untiefen meines Nachtkasterls schlummert es. Ein Päckchen, mit Zeitungspapier umwickelt. Darin liegt ein schäbiger Tonscherben, mit dem ich am 6.Juni 2019 ins „Theater“ der Biennale Venedig im Arsenale pilgern werde. Um mit all jenen, die dort vor zehn Jahren am selben Tag, am selben Ort ebenfalls einen solchen Splitter von Yoko Ono bekommen haben, die Vase wieder zusammenzusetzen, die sie für uns zertrümmert hat. Für den Weltfrieden sozusagen. Um uns anlässlich der Verleihung des Goldenen Biennale-Löwens für ihr Lebenswerk endgültig zu beweisen: Alles wird wieder gut, wenn wir nur gemeinsam daran glauben. „War is over. If you want it.“ Das hat 1969, am Höhepunkt des Vietnam-Kriegs, vielleicht funktioniert, als Yoko Ono und John Lennon ihr Mantra in einem Dutzend Hauptstädten plakatieren ließen. Aber 2009? 2019? Oder heuer, 2013? Wenn durch Ausstellungen in Frankfurt und Krems auch Festland-Europa endlich checken soll, dass Yoko Ono „natürlich nicht nur die Witwe“ vom Ober-Beatle ist, wie Medien gerne betonen? Wahre Anhänger würden natürlich niemals das „W“-Wort zu ihr sagen. Sondern: Yoko Ono ist Konzeptkunst-Pionierin erster Güte. Einflussreich bis heute, selbst in ihrer Esoterik. Sie schütteln den Kopf?

Vorurteil Nummer eins: Yoko Ono hat vor allem pathetischen Schmus gemacht. Hat sie. Aber haben das nach dem Krieg nicht alle? Ihr vergleichsweise unbekanntes Frühwerk haut einen trotzdem um. Valie Export, Marina Abramovic, heute unangefochtene Heroinnen der feministischen Performance, kamen nach ihr. Das muss klar gesagt werden. Anfang der 1950er-Jahre war die Enkelin einer der ersten japanischen Feministinnen als einzige Frau schon dick in der New Yorker Fluxus-Szene dabei. Stellte damals schon lange keine „Bilder“ mehr aus, sondern den Betrachter selbst – mittels auf Zetteln geschriebenen Handlungsanweisungen. 1964 ließ sie sich in Tokio erstmals die Kleider vom Leib schneiden, von den Zuschauern. Das „Cut piece“ ist eine Ikone der frühen feministischen Performance, wenn es so etwas wie eine ikonische Performance geben könnte.

Vorurteil Nummer zwei: Yoko Ono hat mit ihrem elitären Gehabe ihren John seinen Beatles entfremdet. Bitte! Fehlt nur noch die Frage, die die „Bild“-Zeitung Yoko Ono anlässlich ihrer Frankfurter Ausstellungseröffnung stellte: „Haben Sie auch eine Hausfrauen-Seite? Arbeiten Sie etwa manchmal im Garten?“

Vorurteil Nummer drei: Sie ist ein Popstar, igitt. Sie ist Popstar, hurra! Wer würde sonst schäbige Tonscheiben von ihr aufheben. Wer würde sonst als einzigen Wunsch an sie äußern: „Yoko, berühre mich bitte!“ So geschehen tatsächlich in Frankfurt. Wo Yoko Ono, die effizienteste Botschafterin der Konzeptkunst, am Montag ihren 80. feierte. Auf dem späten Höhepunkt ihrer Karriere. Chapeau.

 

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2013)

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