Was haben Peter Noever und Briefbomber Franz Fuchs gemein? Sie teilen sich einen Platz in der österreichischen Kunstgeschichte. Wie der MAK-Direktor zu dieser zweifelhaften Ehre kam?
Es war Dienstagabend, Auftakt der Geburtstagsfeierlichkeiten für Otto Muehl, der am 16. Juni 85 wird. Noever lud zur Weltpremiere des Films „Becoming Otto“, eines halbstündigen Dokumentarfilms über Muehls Leben und Werk vom Schweizer Kunsthistoriker und Regisseur Vincent Juillerat. Der Vorführsaal des Museums füllte sich langsam, alles war friedlich, freundlich, wienerisch-französisch – man konnte also bereits einschlägig Verharmlosendes ahnen. Aber so schlimm war es dann gar nicht, eher harmlos: Zu sehen bekam man eine unaufregende Fernsehdokumentation, die auf einem Interview beruht, das Juillerat 2008 mit dem gebrechlichen Muehl in seiner „artlife“-Kommune in Portugal geführt hatte. Gespickt wurde das Bild des altersmilden, ins Clowneske kippenden Künstlers mit bekanntem historischen Archivmaterial. Auch das Scheitern der Kommune wird angerissen: „Wie frei soll Sexualität von Pubertierenden sein? Muehl versagte an diesem Punkt.“
Kritische, außenstehende Personen kommen – wie man es von einer neutralen Dokumentation erwarten würde – allerdings nicht zu Wort, der Prozess kommt nur optisch schlecht weg – die schwarz-weißen Bilder biederer Richter werden einer bunten, fröhlichen Kommunenwelt gegenübergestellt. Alles in allem also kein Skandal, aber ein Eiertanz mit schlecht übersetzten Untertiteln. Beides längst unnötig im 21.Jahrhundert.
So wurde zum Höhepunkt des Abends die Erstausstellung eines Werkes, das jüngere Kunstgeschichte schrieb: Muehls neunteiliges Bild „Apokalypse/Keinen Keks Heute“, das 1998 in der Secession von „Pornojäger“ Martin Humer mit roter Farbe attackiert wurde. Das Bild zeigte Vertreter von Kirche und (rechter bis konservativer) Politik bei sexuellen Handlungen – Muehl wollte augenscheinlich die damals in der Ausstellung thematisierte Freiheit der Kunst testen. Der Test verfehlte seine Wirkung nicht – der damalige FP-Generalsekretär Walter Meischberger erwirkte gerichtlich ein Ausstellungsverbot. 2007 wurde das Urteil vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg als menschenrechtswidrig erkannt. Im MAK wird das Bild jetzt erstmals wieder in Österreich präsentiert, die ganze zentrale Ausstellungshalle ist ihm gewidmet. Allerdings hat Muehl das blasphemische Altarbild überarbeitet: War einst Briefbomber Franz Fuchs in der Mitte – als Weltenrichter? – dargestellt, muss sich jetzt Peter Noever von Überflieger Richard Lugner auf den Kopf spritzen lassen. Noever soll durch diesen Tausch als „Ausnahme des mutigen Österreichers“ gewürdigt werden, so der Beitext. Ob er auf diesen Tausch allerdings wirklich stolz sein kann, bleibt dahingestellt.
almuth.spiegler@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2010)















