25.05.2012 16:18 | Meine Presse Merkliste 0

Kunst mit CO2-Rucksack

ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Eine ganz neue Facette der Kunstkritik hat die steirische Umweltpartei FPÖ eingeführt: Man beurteilt Kunst nach ihrem CO2-Rucksack.

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Da fragt man sich nur, wo diese Avantgardisten ihre Gedanken hatten, als dieses Frühjahr im Hauptraum der Secession „Six Petritsch“ ihr jüngstes Projekt ausstellten: Auf einer Rennstrecke am Nullmeridian fuhren sie mit ihren Motorrädern so lange im Kreis, bis einmal der Erdumfang abgespult war.

Im Vergleich dazu wäre der gleichzeitig alle FP-Aufmerksamkeit absorbierende Swinger-Club im Secessions-Keller CO2-mäßig doch ein, Pardon, Schas gewesen. Aber die subtile Theorie brauchte wohl Reifezeit.

Jetzt wird sie erstmals erprobt, und zwar am Kalksteinbrocken, den der chinesische Starkünstler Ai Weiwei im Rahmen der „regionale“ aus der Erdbebenregion Sichuan auf den Gipfel des Dachsteins transportieren lässt. Ein doppeldeutiges Denkmal – für die Erdbebenopfer und für die Überlegenheit der Natur den menschlichen Fähigkeiten gegenüber. Vier Tonnen werden dafür durch die Weltgeschichte gehievt. Per Schiff, per Lkw – und die letzten Höhenmeter in etwa einer Woche sogar noch per Hubschrauber.

Von Grauen geschüttelt recherchierte man in der FP-Zentrale wohl Ai Weiweis spektakulärstes Projekt, als er bei der „documenta“ 1001 Chinesen zum Clash der Kulturen nach Kassel einfliegen ließ. Fliegen! Chinesen! Ein Umweltdesaster! Ein Karibikurlaub hin und wieder, eine Spritztour im Cabrio, ein bisschen Motorbootfahren am Wörther See vielleicht, eine rasche Abschiebung per Ferienbomber – aber Kunst? Die hat sich gefälligst schadstofffrei zu benehmen. Als blitzblanker Spiegel unserer Zeit. Eben.


almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2010)

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