25.05.2012 16:21 | Meine Presse Merkliste 0

Der Papst und der Imam: Benetton beklaut die Kussgeschichte

ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Ein Werbesujet, das Benedikt XVI. und einen Imam beim Küssen zeigt, wurde gestern nach Protesten des Vatikans zurückgezogen.

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Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“, diesen Satz, der unter dem bis gestern berühmtesten Bild zweier sich küssender Männer stand, kann das Modelabel Benetton heute seinen Marketing-Mitarbeitern ausdrucken. In einer marketingstrategisch brillanten Blitzaktion zog der Modekonzern gestern nach heftigen Protesten des Vatikans ein Werbesujet zurück, das allerdings kurz zuvor auf seiner Website aufblitzen durfte: Es zeigt Papst Benedikt XVI. und den ägyptischen Imam Ahmed el Tajjeb bei einem etwas zu innig geratenen Bussi.

Das geschah nicht völlig spontan, es war Teil einer neuen Benetton-Werbekampagne, für die Küssende zusammenmontiert wurden, deren Lippen sich im richtigen Leben eher nicht berühren würden. Der israelische Präsident Benjamin Netanjahu und der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas etwa. US-Präsident Barack Obama und Chinas Präsident Hu Jintao. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy.

Bei Durchsicht dieser virtuellen Liebespaare, die Benetton im Namen des Weltfriedens (und des eigenen Erfolgs) verkuppelt hat, muss bildanalytisch allerdings überraschend festgestellt werden: Der Papst und der Imam legen den leidenschaftlichsten Kuss hin. Das ist kein keuscher Bruder- oder schäbiger Judaskuss – das muss Liebe sein.

Davon erzählen die geschlossenen Augen und der Arm, den der Imam dem Papst um den Nacken gelegt hat. Die Lippen sind nicht gespitzt wie bei Netanjahu/Abbas, sondern schmiegen sich weich ineinander. Da darf man schon von einem „schwerwiegenden Mangel an Respekt“ sprechen, wie der Vatikan dies getan hat.

Im skandalösen Küssen ist Benetton genauso Profi wie im Klauen aus der Kunstgeschichte: Als Oliviero Toscani 1991 einen Priester und eine Nonne beim Küssen zeigte, hatte er dabei wohl Egon Schieles todtrauriges Schicksalspaar „Kardinal und Nonne“ im Hinterkopf. Als die Fotoshopper sich jetzt im Vorfeld der „Unhate“-Kampagne durch die Kussgeschichte zappten, stießen sie dabei wohl auch auf den letzten Aufruhr um zwei küssende Männer: 2007 ließ ebenfalls im Namen einer „Ära der Nächstenliebe“ die russische Künstlergruppe Blue Noses zwei Polizisten miteinander schmusen. Was prompt zu einem Ausreiseverbot für das Foto führte.

Es wurde trotzdem in einer Galerie in Berlin gezeigt. Einer Stadt, die öffentlich küssenden Amtspersonen prinzipiell gewogen ist: Schließlich hatte man hier jahrelang den innigen „Bruderkuss“ zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnjew vor Augen, den der Moskauer Maler Dmitri Wrubel wenige Monate nach dem Umbruch auf die Mauer gemalt hat. Versehen mit dem Spruch: „Mein Gott, hilf mir diese tödliche Liebe zu überleben.“

 

almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2011)

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