25.05.2012 16:22 | Meine Presse Merkliste 0

Ein Sterbezimmer für die Hoffnung

ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

In der Krise wird es existenziell: Eine Künstlerin gebar in einer Galerie, in Innsbruck steht Gregor Schneiders Sterberaum zur Verfügung.

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Ein Monat alt ist das erste Galeriebaby der Welt mittlerweile – und von gröberen Psychotherapiekosten (noch) nichts bekannt: Prompt am österreichischen Nationalfeiertag gebar Marni Kotak in einer Galerie in Brooklyn, New York, einen Sohn. Besser gesagt gab sie die Performance „The Birth of Baby X“ zum Besten – und wurde weltberühmt, für einen Tag. Schon ihre Hochzeit oder das Begräbnis des Großvaters hat Kotak verkunstet. Eine Geburt aber sei für sie „die höchste Form der Kunst“.

Gerne wüsste man dazu die Meinung des deutschen Stars des Unheimlichen in der Kunst, Gregor Schneider. Er, typisch Mann, interessiert sich eher und erfolgreicher für das Eingehen in die Ewigkeit, das Sterben. Kunsthistorisch gesehen eindeutig die bessere Entscheidung: Das Memento mori, das Erinnern an unsere Vergänglichkeit, ist im Gegensatz zur Fleischwerdung nämlich ein Dauerrenner in der Kunst, denkt man allein an zeitgenössische Ikonen wie Gerhard Richters brennende Kerze oder Damien Hirsts Schmetterlingsbilder.

Gregor Schneider schenkt dem gerne symbolisch abgehandelten Thema allerdings eine neue, reale Dimension: Im Kunstraum Innsbruck öffnete vor wenigen Tagen sein „Sterbezimmer“ – das er übrigens jedem, der das Bedürfnis danach hat, zur Verfügung stellen möchte. Tatsächlich, sagt er: „Der Kunstraum kann die nötige Würde schaffen, um das Sterben und den Tod auch öffentlich sichtbar zu machen.“ Theoretisch, weiß man. Denn wer will schon im idealen Sterbezimmer eines anderen sterben? Schneider kehrte dafür zu seinen Anfängen zurück, zum Ort einer seiner ersten Ausstellungen, dem Haus Lange in Krefeld, einem Mies-van-der-Rohe-Bau, dessen Wohnraum mit großen Fenstern und Holzboden er nachempfinden ließ.

Durch die Fenster können die Besucher jetzt aus dem Dunkeln in den hellen, leeren Raum blicken; Betreten verboten. Also steht man dort und staunt, auch über die Erregungs-Mechanismen zwischen Kunst, Medien, Gesellschaft. Vor drei Jahren hat die in einem Interview geäußerte Fantasie Schneiders, einen Raum mit Sterbendem ausstellen zu wollen, einen internationalen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Jetzt hat er den Raum in all seiner radikalen Banalität gebaut. Und niemanden scheint es zu kümmern. Er steht schließlich nicht auf der Biennale Venedig oder in einem deutschen Museum. Und Sterben tut darin nur die Hoffnung. Die Hoffnung, dass Provokationen in der bildenden Kunst nicht nur zu Schlagzeilen, sondern zu unerwarteten Wahrheiten für jeden Einzelnen führen können. Oder wissen Sie schon, wo Sie sterben wollen?

 

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2011)

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