Können Sie sich vorstellen, dass Hermann Nitsch Orgie Orgie sein lässt und in Pension geht? In der Badehose am Prinzendorfer Pool liegt und alle Interviewer oder Ekstasesuchenden vor der Schlossmauer darben lässt? Oder dass Erwin Wurm, der heute im Bass Museum in Miami eine große Einzelausstellung eröffnet, auf dem Zenit seines Ruhms sagt: „Lasst's mi ang'lahnt, ich höre auf.“
Nein. Künstler gehen nicht in Pension. Künstler hören nicht auf. Künstler haben immer Ideen. Künstler müssen immer weiter. Künstler ist keine Berufsbezeichnung, Künstler ist eine Haltungsfrage. So lautet jedenfalls die gängige Meinung. Fragt man den Sitznachbarn von der Sektion Film, schaut es bei erfolgreichen Regisseuren nicht viel anders aus – zumindest in Hollywood wird gedreht, bis die Versicherungen, diese Altersrassisten, nicht mehr versichern wollen.
Natürlich gibt es Ausnahmen wie den Action-Regisseur James Glickenhouse, der Banker wurde. Derart skandalöse Seitenwechsel sind aus der Kunstwelt nicht bekannt, obwohl sich das alte Sprichwort immer wieder bewahrheitet: Treffen sich Künstler, reden sie über Geld, treffen sich Banker, reden sie über Kunst. Als Hauptberuf wählten müde Künstler dann aber doch lieber Galerist oder Buchhalterin. Als solche soll etwa US-Künstlerin Cady Noland arbeiten, die das finanziell wirklich nicht notwendig gehabt hätte, als sie sich in den 1990er-Jahren aus der Kunstwelt zurückzog.
Die Ausstellung „Kurze Karrieren“ im Wiener Mumok vor mittlerweile auch schon sieben Jahren erinnerte an solche vereinzelten Rückzüge, nannte Namen, die wenige (noch) kennen – Karel Miler oder Verena Pfisterer. Seit Kurzem hat die Kunstwelt aber einen neuen, spektakulären Rücktritt zu verzeichnen: Eben hat er der Mailänder Börse noch einen monumentalen Stinkefinger aus Marmor vor die Fassade gepflanzt. Jetzt verabschiedet sich mit Maurizio Cattelan einer der einflussreichsten internationalen Künstler von der Bühne, mit einer Retrospektive im Guggenheim Museum in New York. Eine Retrospektive, sagte der 51-Jährige, markiere doch das Ende einer Karriere. Und wer weiß, ob er je wieder eine Idee haben werde! Kunst wolle er jedenfalls keine mehr machen.
Als gelernter Österreicher misstraut man derartigen Rücktritten naturgemäß. Noch dazu bei einem Zyniker wie Cattelan. „Komme gleich wieder“ hängte er schon 1992 an die Tür einer Galerie. Und er kam nicht. Die ganze Ausstellung lang. Dieses Schild hängt jetzt recht unscheinbar um den Hals eines ausgestopften Golden Retrievers, der mitsamt aller anderen Werke Cattelans von der Decke der berühmten Guggenheim-Rotunde baumelt. Ein groteskes Lebenswerkmobile aus 128 teils ikonischen Skulpturen, etwa dem Papst, der wie von göttlicher Hand von einem Meteoriten getroffen wurde. Ebenfalls ein Job, von dem man nicht einfach so abtreten kann. Wir werden das jedenfalls weiter beobachten.
E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2011)















