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Warum wir Kitscheranten uns nicht selbst geißeln müssen

26.06.2012 | 18:22 |  Peter Strasser (Die Presse)

Michael Scharang, der Geißler, geißelte mich schon zwei Mal, Paulus Hochgatterer hatte erst ein Mal das Vergnügen. . .

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Erst kürzlich war ich, auf dem Notbett meines begehbaren Medikamentenschranks liegend, in höchster Not, weil das Baby-TV einen Ausfall hatte und ich, zappelig nach einem Beruhigungssender zappend, akkurat bei Al Jazeera landete. Dort wurde gerade eine jener Geißlerprozessionen übertragen, bei denen das Blut in Strömen die schweißbedeckten Rücken der keuchenden Büßer hinunterrinnt, die, klatsch und patsch, nicht aufhören wollen, nein, können, sich für die eigenen Sünden und – wenn schon, denn schon – für die der ganzen Menschheit zu besudeln.

Ist es verwunderlich, dass ich keine Zeit mehr hatte, mich zur Totalentleerung meines Magens in eine angemessene Position an einen angemessenen Ort zu begeben? Scheußlich, das gedoppelte Malheur: das auf Al Jazeera und jenes auf mir, um mich und rund um mich herum.

Warum, werden Sie jetzt vielleicht herzlos fragen, erzähle ich Ihnen die kleine eklige Geschichte meiner ausufernden Hinfälligkeit? Weil, wie Hölderlin trefflich erkannte, wo Gefahr ist, auch das Rettende wächst, und solcherart, nachdem ich mich meines Mageninhalts entledigt hatte (übrigens ist kein Vomitus widerlicher als der infolge des Anblicks religiöser Blutmassen), mir gemäß des Dichters Lehre ein regelrecht sakrales Bauchgefühl erwuchs.

Ja, mir war in meinen Eingeweiden köstlich nach Furcht und Zittern zumute, denn plötzlich – ich wusste zunächst gar nicht, warum – umschwirrte mich der Name „Scharang“. Scharang? Warum ausgerechnet Scharang. . .? Während ich mich mühte, die ekligen Bilder blutreligiöser Klebrigkeit, in die ich gleichsam eingeschweißt war, wieder loszuwerden, ging mir schlagartig ein Licht auf: Wir hier, im schönen katholischen Land Österreich, müssen uns nicht selbst von unseren Sünden befreien. Wir dürfen die Geißel getrost zu Hause lassen, wenn wir mit unseren ästhetico-politischen Niederträchtigkeiten an die Öffentlichkeit treten. Dort nämlich wartet bereits Genosse Scharang auf uns.

Genosse Scharang, der Geißler: Wir Nichtswürdigen verdienen ihn wahrlich! Erst letztens geißelte er einen Kitscheranten, der Hochgatterer heißt, weil der sich erfrecht hatte, mehrere Bestseller auf elendem Niveau zu produzieren: „Er degradiert Literatur zur Erbauung und bringt sie so auf einen neuen Tiefstand.“ Patsch und klatsch!

Ich wiederum hatte wegen meiner literarischen Tiefständigkeit schon mehrfach das mich reinigende Vergnügen, von Scharang gegeißelt zu werden. Das erste Mal wurde mir, klatsch und patsch, diese Wohltat zuteil, nachdem ich mich über den Kitscheranten Handke lobhudelnd geäußert hatte; das zweite Mal, weil ich abendlandsrührselig einbekannte, mir graue vor dem Glück der brasilianischen Steinzeitindianer, die zwar frei sind von der Knechtschaft des Kapitalismus, dafür aber nichts dem Sokrates Vergleichbares haben. Patsch und klatsch!

Scharangs Geißlertum erwächst aus seiner Berufung, dem verrotteten Bürgertum keine idealistischen Fisimatenten durchgehen zu lassen. 1998 schrieb er in der „Zeit“: „Stalin, selbst unentwegt philosophierend, verwirklicht in tödlicher Einheit von Theorie und Praxis den bürgerlichen Idealismus.“ Ergo: „Das Bürgertum, entsetzt von dem Exempel, das Stalin am bürgerlichen Gedankengut statuiert, verzichtet fortan auf Philosophie.“ Da kann naturgemäß alles, was ich als reaktionär pragmatisierter Staatsphilosoph täglich an tiefständigem Begriffskitsch absondere, nur ein afteridealistischer Rückfall hinters Bürgertum sein. Knirsch, wo bleibt die Geißel?!


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2012)

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6 Kommentare

Wie steht es eigentlich mit der edlen Gabe der Selbstkritik

beim Genossen Scharang, der so gerne die neunschwänzige Katze gegen missliebige Mitliteraten schwingt?

Er muss ja nicht gleich der Autoflagellation frönen, wie es – auch und gerade im katholischen Österreich - angeblich in elitär-religiösen Zirkeln geübt wird, wobei diese Selbstgeißelung sowie das Tragen von Bußgürteln m.E. das Fleisch ja nicht abtötet, sondern sogar eher anstachelt, was ja vielleicht sogar der Zweck der Bußübung – äh, wo war ich gerade? Ach ja, beim gestrengen Genossen Scharang.

Ja also, ich finde, er sollte sich nicht als Großinquisitor der Literatur gebärden (oder sieht er sich gar in der Nachfolge von MRR?), sondern besser hin und wieder vor seiner eigenen Tür kehren. Peter Strasser leiht ihm sicher gern einen Besen ;-)

Re: Wie steht es eigentlich mit der edlen Gabe der Selbstkritik

Ja ich weiß nicht, ob es nicht unfair wäre, von jemandem, dessen Hauptwerk den Titel "Charly Traktor" trägt, auch noch die Fähigkeit zur Selbstkritik einzufordern. LG, ps

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Re: Wie steht es eigentlich mit der edlen Gabe der Selbstkritik

guter Kommentar!

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Wenn der Anzug das Markenzeichen ist, dann ist das meist zu wenig!

Jeder Sonntagsanzug und so auch Staatsantifaschismus verschleißen einmal. Und so wie es viele Steirer gibt, die unscheinbar werden, wenn man ihnen den Steireranzug auszieht, so gibt es eben viele System- u. Staatskünstler, die keine Qualitäten mehr erkennen lassen, wenn sie ihr Markengewand ausziehen.

köstlich!

häme - mit feinster klinge!

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Spitze!


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