Es ist nicht lange her – ich döste in meinem bescheidenen TV-Beamtenfauteuil beim nächtlichen Kulturmontag des ORF vor mich hin –, da vernahm ich die Stimme der wegen ihrer fortschrittlichen Ansichten von mir hochgeschätzten Journalistin Eva Rossmann. Ich war sofort putzmunter. Denn was sagte sie? Sie sagte sinngemäß: Sich über die aufzuregen, die sich über den Mohren im Hemd nicht aufregen, ist heutzutage uncool. Bravo. Sie, Frau Rossmann, wissen als gebürtige Grazerin wovon Sie reden!
Wenn es nämlich der Fall wäre, dass Sie hierorts nach einer Doppelbettbrücke Ausschau hielten, weil es Ihnen zuwider wäre, dass Ihr Liebster bei dem Versuch, sich Ihnen zärtlich zu nähern, dauernd in die „Liebestöterritze“ Ihres Bettes abstürzte, dann würden Sie Ihre Schritte über die Mur lenken, hin zur Annenstraße 20. Dort, beim Gummineger – „Gummiwaren, Schaumstoffe, Regenkleidung...“ – gibt es die besten Doppelbettbrücken von ganz Graz.
So weit, so cool. Indes werden gleich nebenan, im guten alten Café Wolf – das dem Connaisseur stets sein wird, was es einmal war –, immer wieder hitzige Diskussionen unter lokalen Fremdlingen geführt, von denen man hier, „jenseits der Mur“, die längste Zeit bloß zu berichten wusste, dass sie das „andere Ufer“ besiedelten. Dabei handelt es sich um die bunte Grazer Fraktion der Political Correctness (PC), die, namentlich während des Avantgardefestivals „steirischer herbst“, die Grazer Kleinbürger- und Proletengegenden mit kulturellem Fortschritt versorgt. Ja, es kam vor, dass die verblüfften Grazer Bettler – welche in Graz, der Menschenrechtsstadt, mittlerweile alle verboten sind – sich als „Soziale Plastik“ wiederfanden: Einlogiert in Containern, worin sie ein Kunstarbeiter ans Internet anschloss, waren sie dazu auserkoren, sich, zwecks Gründung einer Obdachlosen-Internationale, mit ihresgleichen rund um den Globus zu vernetzen...
Na, jedenfalls hatte die bunte Grazer PC-Fraktion schon längst den Kleine-Leute-Charme der Annenstraße entdeckt. Dass dort ein Gummineger residiert, wollte man aus Gründen des Respekts vor der örtlichen Tradition tolerieren. So weit, so cool. Doch wie es dem Hausbrauch entsprach, führte das gute alte Café Wolf eine Mehlspeise, die seit alters her „Mohr im Hemd“ heißt. Entgegen dem Eva Rossmann'schen Coolness-Prinzip kam nun aber die bunte Grazer PC-Fraktion zu dem Schluss: Der Grazer Mohr im Hemd muss weg!
Daher wurde die verdutzte Kellnerin des Cafés – nennen wir sie, gemäß der guten alten Kellnerinnentradition, „Frau Grete“ – mit einer PC-konformen Idee überrascht: „Liebe Frau Grete, wie wär's mit Schwarzafrikaner im Hemd?“ Frau Gretes Antwort: „Owa geh, meine Schokomurln kumman vom Kondita, wai waun de aus Afrika kammatn, warn de scho längst zarunnan, oda eppa net?“ Die entnervte bunte Grazer PC-Fraktion aktivierte ihre Notebooks, um ein Übersetzungsprogramm für die Mundartlichkeit der Frau Grete zu finden.
Da betrat eine Person, die von Kopf bis Fuß in ein buntes Tuch eingewickelt war, das gute alte Café Wolf und sprach die migrationshintergründigen Worte: „Du haben Gummi zum Stopfen für Loch in der Mitte vom Bett für Mann?“ Während die bunte Grazer PC-Fraktion panikartig Reißaus nahm, fand Frau Grete gleich die passenden Worte: „Geh zum Nega umi, duat kriagst dein Gummi, den bestn von gaunz Graz.“ Jetzt kann man nur hoffen, dass, dank Frau Rossmanns Coolness-Prinzip, nach den Grazer Bettlern nicht auch noch die Grazer Mohren im Hemd verboten werden!
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2012)















