Meine Nerven! Ich komme nach Hause, Genugtuung im Herzen, weil ich nach der Korrektur hunderter Klausuren im Fach Rechtsphilosophie der Überzeugung bin, dass bald ganz Österreich aus lauter Rechtsphilosophen (zwei Drittel davon Rechtsphilosophinnen) bestehen wird. Dann wird endlich das unterschätzte Problem des Menschenrechts auf die eigene Post gelöst werden können... Während ich so vor mich hin sinniere, stehe ich vor meinem Postkastl in abendlicher Vorfreude. Mich lockt die Lektüre all der bunten Prospekte, die mich da drinnen, im Kastl, erwarten.
Doch ach, ich finde bloß ein Formular, das mich wissen lässt, es sei versucht worden, mir, Erika S., ein Paket zuzustellen. Ich möge das fragliche Paket auf dem Postamt Hasnerplatz abholen, und zwar – wie ich bemerke – zu all jenen Zeiten, in denen unsereiner seiner bescheidenen Beamtenkorrekturtätigkeit nachgeht. Glück gehabt, denke ich bei mir, denn ich bin – da bin ich mir relativ sicher – nicht Erika S., die im Nebenhaus wohnt, eine reizende ältere Dame, leider ein wenig gehbehindert. Deswegen korrigiere ich den postalischen Sommerirrtum auf dem Formular, welches ich anschließend mit einem Klebestreifen, den ich ständig bei mir trage (man weiß ja nie, wo was anzukleben ist), an meinem Postkastl anklebe.
Dann, in den nächsten beiden Tagen, geschieht Rätselhaftes. Das Formular ist nicht wegzubringen, wechselt indes immer wieder seinen Klebeort. Am dritten Tag – ich merke, dass meine Nerven nerviger werden – suche ich im Internet die Nummer des Postamts Hasnerplatz. Und hast du's nicht gesehen, leuchtet mir die Nummer der „Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit“ (GFSG) entgegen.
Des Rätsels Lösung: Nicht eine Trafik, ein Papierfachgeschäft oder Gemischtwarenladen, nein, die GFSG ist „Postpartner am Hasnerplatz“. Da ich schon immer vermutet habe, dass die Post unsere seelische Gesundheit befördert, rufe ich gern bei der GFSG an, wo mich ein diplomierter Öffentlichkeitsarbeiter darüber belehrt, dass ich an der „falschen Adresse“ sei. Immerhin, ich erhalte – obwohl ich an der falschen Adresse bin – umgehend die Nummer der richtigen, nämlich die des Postamts am Hasnerplatz. Hier ist sie, falls Sie dort einmal gern anrufen möchten: 0577/6778013.
Ich rufe gern an. Gleich habe ich eine liebenswürdige jüngere Dame in der Leitung, die mir mitteilt, sie könne nichts für das fragliche Paket tun, denn dieses liege bei ihr, am Postamt Hasnerplatz, zur Abholung bereit. (Jawohl, was liegt, das pickt, denke ich bei mir, ich entwickle offenbar ein postalisches Stockholm-Syndrom.) Es komme aber, so die liebenswürdige jüngere Dame, gerade der zuständige Auslieferer herein, der sich freilich als ein Mann mit Prinzipien entpuppt: Er ist, falls er etwas nicht zuzustellen vermag, fürs Rückstellen, nicht fürs Abholen zuständig. Wenn Erika S. trotzdem zu helfen sei, dann nur über die Notrufnummer der Post. Nur! Hier ist sie, falls Sie dort einmal gern anrufen möchten: 0810/010100.
Während ich in der Warteschleife der postalischen Not kreise, bekomme ich einen posttraumatischen Schock. Kurz: Ich bin reif für den Postpartner, die Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit. Vielleicht rufen auch Sie dort einmal gern an, wenn Ihnen vorkommt, die Post bringe nicht allen was. Die Nummer haben Sie ja... (Postskriptum: Frau Erika S. hat ihr Paket inzwischen erhalten. Vergelt's Gott!)
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)















