Die vorletzten Dinge
Immer dasselbe: Kaum kommt der Hochsommer, sperrt, rumsbums, das Opernhaus zu. Bitte, Sie sind kein Beachvolleyballtrottel, der sich die Fußsohlen im glühenden Sand versengt, während Sie, falls männlich, Ihre praktisch nackten Mitspielerinnen lüstern beäugeln. Sie sind kein verbrecherischer Radfahrer, der, nachdem er sich im Latexvollkörperkondom dem Hitzeschlag entgegengestrampelt hat, auf der Suche nach den letzten Spaziergängern ist, um sie über den Haufen zu fahren. Sie sind auch keiner, der, von bläschentreibendem Sonnenöl bedeckt, akkurat wenn das Mördergestirn im Zenit steht, stundenlang dem Prickeln der Melanomwimmerln trotzt.
Wenn Sie das alles nicht sind, dann leiden Sie vermutlich darunter, dass im österreichischen Kulturstaatsfernsehen ORFIII die allerpeinlichsten Schwarz-Weiß-Witzelsendungen aus den Fünfzigerjahren abgespult werden, mit all den allergrauslichsten Gemütlichkeitstypen. Sagt der Heinzi nach der Hochzeitsnacht zu seiner Elfi: „Jetzt bring ich meinem Mausi das Kaffetschi ans Betti, samt dem Kipfi mit der Marmeladi, und ein Blumi im Vasi hab ich meinem Hasi auch aufs Tabletti 'tan, weil, gell, das macht die brave Elfi ab morgen dann für ihren Heinzi...“
Diese Witzelfiguren beschneiden Ihr Menschenrecht, Barbara Rett, unserem Moderatorinnenjuwel, öfter dabei zuzuschauen, wie sie ihren Schwanenhals langzieht, um uns, ihren Verehrern, die Höhe zu bedeuten, auf der wir uns gleich, beim nachfolgenden Freiluftkonzertereignis, befinden werden. Dabei leiden Sie ohnehin viehisch, weil Sie ein Opernhaussüchtiger ohne Opernhaus sind. Doch lindert der Anblick der ihren Schwanenhals mit unbeschreiblicher Grazie langziehenden Barbara Rett Ihr Leiden: eine milde Ersatzdroge.
Ja, einzig die Rett mag Sie davor bewahren, das innere Zittern Ihrer Opernhaussucht mittels amokläufigen Anrennens gegen verschlossene Opernhaustore abzureagieren. Hilfreich auch, dass sich die Rett'sche Schwanenhalsgrazie in eine darunter grazil fallende Couture von erlesenem Geschmack fortsetzt. Deren Anblick scheint geeignet, Sie kurzfristig darüber hinwegzutrösten, dass die Weihestätte am Bayreuther Hügel bereits von Ihren Urgroßeltern hätte gebucht werden müssen, indes die Salzburger Netrebko siebenfach überbucht ist.
Aber die Rett ist nicht immer verfügbar, nicht jeden Tag wird in der freien Luft Vorder- und Ober- und Unter- und Hinterösterreichs musiziert, dass sich die Noten unterm Sternenzelt biegen. Und so kann es Ihnen, wegen Ihrer unbezwingbaren Gier nach einem Opernhaus, zur Schlafenszeit passieren, dass Sie schnurstracks den nächstgelegenen Musentempel berennen, um dort – zum Gaudium der flanierenden Kulturbanausen, denen der G'spritzte aus allen Poren spritzt – an verschlossene Tore zu hämmern.
In Niederösterreich, dem Pröll'schen Freiluftbühnenland, soll es den zaghaften Versuch gegeben haben, eine Überlebensgruppe der Anonymen Opernhaussüchtigen zu formieren. Vergeblich. Niederösterreichs Landeshauptmann, vor dem nichts und niemand anonym bleibt, sprach den klassischen Satz: „Lassen Sie mich das ein für alle Mal klarstellen!“ Er, dessen gute Kulturlaune nur von seiner noch besseren Machtlaune übertroffen wird, stellte stellvertretend für Österreichs Landesfreiluftfürsten klar, dass Kultur nicht süchtig, sondern einen gesegneten Freiluftschlaf macht – wozu die Schwanenhalsgrazie der Rett unabdingbar dazugehört. Man wird Sie und andere Opernhaussüchtige also weiterhin an verschlossene Tore hämmern hören.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)















