Nein, mein lebenserfahrener Ausbildner beim Drückebergerpräsenzdienst der Universitätsassistenten (gibt's leider schon lange nicht mehr) war kein entfernter Verwandter des österreichischen Schulreformers Otto Glöckel. Und daher nein und abermals nein: Die Didaktik, die ich letztens meinen bildungsbeflissenen Lesern nahezubringen suchte, sollte nicht Rotzglöckeldidaktik heißen. Vielmehr liegt ihr ein Prinzip zugrunde, welches der altsozialistischen Glöckel-Schule (dies muss ich als bekennend parteiloser Altsozialist leider, leider einbekennen) fremd ist, nämlich das sogenannte Rotzglockenprinzip, das auf dem kategorischen Strammstehimperativ meines lebenserfahrenen Ausbildners fürs Strammstehen beruht.
Ich zitiere den Imperativ, in Form der mich betreffenden Rotzglockenmaxime, extra für Sie noch einmal im Wortlaut, damit ihn hoffentlich auch jene unter Ihnen lernen, die sich mangels Besuchs einer geeigneten Drillschule noch immer schwer damit tun, etwas zu repetieren: „Herr Dokta, net dass Se glaubn, Se san do da Gfreite Oasch, oba Ihre Händ lossns do untn aun da Noht bei da Hosn, und waun Ihnan de Rotzglockn bis zum Oasch owihängt...“
Ich hab's mir gemerkt, das können Sie mir ruhig glauben, und zwar fürs ganze Leben, denn damals – so um 1980 herum – war das österreichische Bundesheer eine didaktische Exzellenzinstitution, weshalb mein lebenserfahrener Ausbildner fürs Strammstehen mir schreiend befahl, diese mir befohlene Rotzglockenmaxime hundert Mal in mein Memorierbüchl niederzuschreiben: „I sull meine Händ do unt aun da Noht bei da Hosn lossn, und waun mia de Rotzglockn bis zum Oasch owihängt!“
Mein lebenserfahrener Ausbildner fürs Strammstehen zählte dann, ganz im Sinne des Drilldidaktikgedankens, pedantisch nach, wie oft ich den kategorischen Strammstehimperativ, in Form der mich betreffenden Rotzglockenmaxime, niedergeschrieben hatte, wobei ich ihm meinerseits im zweistelligen Bereich beim Zählen half, weshalb mir nachgesehen wurde, dass meine Niederschreibweise sich dem Hochdeutschen gar zu arg annäherte. Damit wurde auf das Schönste dem kantischen Gedanken der Aufklärung Rechnung getragen, den der große Königsberger bekanntlich in die Formel goss: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“
So bin ich, dank der Drillschule, mündig geworden. Ohne Drill wüsste ich heute noch nicht, dass zwei mal zwei vier ist und dass es nicht heißt: „Heute muss der Glöckel werden“ (sondern die Glocke). Praktisch weiß ich alles, was ich weiß, weil es mir von meinen exzellenten Lehrern, denen die Watschenhand subsidiär locker saß, eingedrillt wurde, und ich darf heute mit Stolz sagen: Mein Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit ist mir auf solche Weise, trotz Glöckels unseliger Parteinahme gegen die Drillschule, ermöglicht worden, ohne an jener merkwürdigen Schulpandemie zu laborieren, die etwas mit gestörter Aufmerksamkeit und Hyperaktivität zu tun hat – wie heißt diese Seuche gleich?
Na egal, jedenfalls schreibe ich das allen Schulreformern virtuell ins Memorierbüchl, und zwar aus meinem begehbaren Medikamentenschrank heraus, wo mir, bevor ich infolge der Selbstapplikation einer Klinikpackung Prontopax-Forte-Zäpfchen hoffentlich bald einschlafe, gleich wieder einfallen wird, wie die kuriose Seuche heißt. Ach ja, ADHS. Und jetzt fällt mir auch wieder ein, wie der Schultyp heißt, den wir heutzutage haben – ADHS-Schule, nicht wahr? Gute Nacht, Abendland!
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)















