Wie es war, als mich Stronach mit Weihnachtskeksen lockte

Ich dürfte bis an mein Lebensende mit Weihnachtskeksen rechnen: in jeder Stückzahl, zu jeder Jahreszeit. . .

Bitte, ich kann mich nicht um alles kümmern. Und für Politik interessiere ich mich sowieso kaum. Warum auch? Jeder ist für irgendwas zuständig. Für die Politik sind die Politiker zuständig. Die haben wir ja schließlich gewählt, um für die Politik zuständig zu sein (ich leider nicht, ich muss an Wahltagen immer meinen Vollmops Paul äußerln tragen). Und, seien wir ehrlich, die machen ihre Sache ausgezeichnet. Schön, der eine oder andere mag gern Sachen, die kostenlos Freude machen – aber wer nicht?

Mich zum Beispiel kann man mit traumhafter Weihnachtsbäckerei locken. Hat man schon versucht! Hat aber nicht funktioniert, weil ich nämlich selbst leidenschaftlich gern das von mir Selbstgebackene aus dem glühenden Backrohr hole, um den Duft, sagen wir, frischer Vanillekipferln zu schnuppern und meinen vor Weihnachtskekserwartung sabbernden Mitbewohnern – meinem Vollmops Paul und meinen Meerschweinchen Fritzi & Fratzi – die ersten, noch ofenwarmen Vanillekipferln zu servieren.

Die blähen zwar, aber ich sag mir: Wenn's so ist, dann ist's so. Der liebe Gott wird schon gewusst haben, warum er die beste aller möglichen Welten unmöglich anders einrichten konnte als derart, dass ofenwarm hinuntergeschlungene Vanillekipferln eben blähen.

Außerdem gibt es jetzt das große Extraheft der „Brigitte“. Thema: „Himmlische Plätzchen“, die besten Rezepte aus der modernen Weihnachtsbackstube. Übrigens: Dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, daran habe ich, auch wenn ich mich nicht um alles kümmern kann, in der voradventlichen Jahreszeit gar keinen Zweifel.

Beweis: Unsere Politiker passen auf unseren Staat auf, der auf meine Universität aufpasst, die auf mich aufpasst, sodass ich, ein bescheiden pragmatisierter Philosophiebeamter, in meiner bescheidenen Beamtenwohnung in der Lage bin, sorgenlos die neue „Brigitte“ mit dem herausnehmbaren Plätzchenextrateil zu studieren, worin mir die Rezepte für Cranberry-Zimt-Streifen und Mandel-Amaretto-Makronen das Gefühl geben: Besser kann's eigentlich nicht mehr werden, oder?

Umso erstaunter war ich, als erst kürzlich ein Abgesandter der Werte, mit einem Gesicht, das praktisch gesichtslos war (ich könnte nicht mehr sagen, wie es ausschaute, irgendwie wie etwas, was nach gar nichts ausschaut), an mich herantrat. Ja, er trat nahe an mich heran, um mich mit einem Mundgeruch aus Wahrheit, Transparenz und Fairness (also einem Geruch, der praktisch nach gar nichts roch) wissen zu lassen, er sei ein Abgesandter des Multiwertemilliardärs Frank Stronach, der fest an die beste aller möglichen Welten glaube – an die Stronach'sche Multiwertemilliardärswelt –, weshalb er mich, einen unbestechlich pragmatisierten Wertedenker, dazu einlade, seiner Wertegemeinschaft beizutreten.

Was soll ich sagen, ich fühlte mich geschmeichelt, und dass mir in Aussicht gestellt wurde, als Stronachs Wertedenker bis an mein Lebensende damit rechnen zu dürfen, jede Art von Weihnachtskeksen in jeder Stückzahl zu jeder Jahreszeit aus einer der Stronach'schen Weihnachtskeksproduktionsstätten, die man notfalls extra wegen mir in Betrieb nehmen würde, angeliefert zu bekommen – also dieses Angebot hat schon was für sich, nicht wahr?

Dass ich dann dennoch ablehnen zu müssen glaubte, hatte damit zu tun, dass ich mich lieber um meine eigenen Angelegenheiten kümmere. Und da muss ich mich heuer tüchtig um „Brigittes“ Plätzchenträume kümmern – oder vielleicht doch lieber um die guten alten Vanillekipferln?


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2012)

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