Katholiken-Bunga-Bunga, bis der Papst von der Wand fliegt

Na danke vielmals, ich rettete mich vor diesem neuesten menschenfilmerischen Cineasten-Opus ins Baby-TV...

Kaum kommt ein Filmemacher aus einer Familie, die von der Kulturwelt mit einem vorauseilend verstehenden Unterton als „tiefkatholisch“ bezeichnet wird, hat dieser Macher – das steht festivalmäßig fest, sei's Cannes, Venedig, Berlin oder Wien – im Kunstfilmsegment die Lizenz zum Menschenfilmer. Was mich betrifft, so weiß ich bis heute nicht, warum das Tiefkatholische einer Kindheit dazu prädestiniert, den Menschen zu filmen, der, nach dem abgründigen Blick des Menschenfilmers, nur der Abgrund sein kann, der nach dem Abgrund ruft („abyssus abyssum invocat“, Vulgata, Psalm 41,8).

Wer oder was ist der gefilmte Mensch, kindheitstiefenkatholisch betrachtet? Ich sah ihn einst, als ich in einer fremden Stadt auf einem Hotelbett vor mich hindöste. Es war am Vorabend eines Kongresses zum Thema „Der Mensch und seine Würde im postreligiösen Kontext“, Teil des Exzellenzclusters „Ethik in der Postmoderne“. Schon am Rande des Schlafes, hatte ich vergessen, vom deutschen Nachtfilmprogramm rechtzeitig aufs Baby-TV umzuschalten. Und siehe, da sah ich den Menschen!

Ich sah ein vergammeltes Stiegenhaus, durch das sich zwei Pülcher hinaufbewegten, der adretten Kleinstwohnung entgegen, worin die „Hur“ – wenn sie's denn gewesen ist – ergeben auf ihr Schicksal wartete. Einer war wohl der Zuhälter, und was der andere war, entging mir vor lauter Grauen und Grausen. Gleich nämlich musste sich die Heimgesuchte, weil nicht so recht aufgelegt für den Spaß an der Hetz, beim Kartendippeln tüchtig „einen ansaufen“, um dann, infolge eines unvorstellbar ordinären Wortwechsels (wenn ich daran denke, dass einst Oswald Wieners „Verbesserung von Mitteleuropa“ wegen des Wortes „Futlapperl“ verklagt wurde, ha!), zum kreischenden Objekt brutalster Erniedrigungslust zu werden, entmenschlicht, bis...

...nun, das zu erleben, ist mir erspart geblieben, weil ich mich aufgerappelt und mittels Fernbedienung der Kunst des Menschenfilmers den Garaus gemacht hatte. War's ein Albtraum, war's keiner? Keiner. Jahre später – ich hatte mich vom menschenfilmerischen Anblick des Menschen erst notdürftig erholt – tauchte in den Fernsehnachrichten ein Trailer mit fettleibigen Schugamoms auf, weißen Sextouristinnen, die an Kenias Stränden unter den kokosnussgeölten Händen der schwarzen Beachboys Erleichterung suchten. Splitterfasernackt. Na danke vielmals, ich rettete mich vor diesem neuesten Kunstprodukt des Menschenfilmers ins Baby-TV.

Aber es half nichts, die tiefkatholische Kindheit des Filmemachers trieb ein weiteres Opus hervor, in dem – ich sah's in den Nachrichten, ja soll ich mich künftig etwa im Baby-TV über das Weltgeschehen informieren?! – eine Katholikin sich vorm Kreuz ihres Erlösers wegen der menschlichen Sexbesessenheit mit der Geißel wundtraktiert. Ich habe mir sagen lassen, am sexbesessenen Schluss „prallen die Körper aufeinander“, und zwar derart, dass das Papstfoto von der Wand fliegt: Gemeindebau-Bunga-Bunga, sozusagen.

Bitte schön, ich habe bis heute keine Ahnung, warum akkurat der Kindheitstiefkatholische eine Lizenz zum Menschenfilmer haben sollte, aber eines weiß ich: Von den Menschen, die ich kenne, bis zu meinen Meerschweinchen, die einander nach Schweinchenart lieben, ist mir noch kein Geschöpf untergekommen, das es verdient hätte, auf das abgründig-lichtlose Niveau des Menschenfilmers gebracht zu werden. Denn, um es mit Leonard Cohen zu sagen: „There is a crack in everything, that's how the light gets in.“


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2013)

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