Katholiken-Bunga-Bunga, bis der Papst von der Wand fliegt

15.01.2013 | 18:20 |  PETER STRASSER (Die Presse)

Na danke vielmals, ich rettete mich vor diesem neuesten menschenfilmerischen Cineasten-Opus ins Baby-TV...

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Kaum kommt ein Filmemacher aus einer Familie, die von der Kulturwelt mit einem vorauseilend verstehenden Unterton als „tiefkatholisch“ bezeichnet wird, hat dieser Macher – das steht festivalmäßig fest, sei's Cannes, Venedig, Berlin oder Wien – im Kunstfilmsegment die Lizenz zum Menschenfilmer. Was mich betrifft, so weiß ich bis heute nicht, warum das Tiefkatholische einer Kindheit dazu prädestiniert, den Menschen zu filmen, der, nach dem abgründigen Blick des Menschenfilmers, nur der Abgrund sein kann, der nach dem Abgrund ruft („abyssus abyssum invocat“, Vulgata, Psalm 41,8).

Wer oder was ist der gefilmte Mensch, kindheitstiefenkatholisch betrachtet? Ich sah ihn einst, als ich in einer fremden Stadt auf einem Hotelbett vor mich hindöste. Es war am Vorabend eines Kongresses zum Thema „Der Mensch und seine Würde im postreligiösen Kontext“, Teil des Exzellenzclusters „Ethik in der Postmoderne“. Schon am Rande des Schlafes, hatte ich vergessen, vom deutschen Nachtfilmprogramm rechtzeitig aufs Baby-TV umzuschalten. Und siehe, da sah ich den Menschen!

Ich sah ein vergammeltes Stiegenhaus, durch das sich zwei Pülcher hinaufbewegten, der adretten Kleinstwohnung entgegen, worin die „Hur“ – wenn sie's denn gewesen ist – ergeben auf ihr Schicksal wartete. Einer war wohl der Zuhälter, und was der andere war, entging mir vor lauter Grauen und Grausen. Gleich nämlich musste sich die Heimgesuchte, weil nicht so recht aufgelegt für den Spaß an der Hetz, beim Kartendippeln tüchtig „einen ansaufen“, um dann, infolge eines unvorstellbar ordinären Wortwechsels (wenn ich daran denke, dass einst Oswald Wieners „Verbesserung von Mitteleuropa“ wegen des Wortes „Futlapperl“ verklagt wurde, ha!), zum kreischenden Objekt brutalster Erniedrigungslust zu werden, entmenschlicht, bis...

...nun, das zu erleben, ist mir erspart geblieben, weil ich mich aufgerappelt und mittels Fernbedienung der Kunst des Menschenfilmers den Garaus gemacht hatte. War's ein Albtraum, war's keiner? Keiner. Jahre später – ich hatte mich vom menschenfilmerischen Anblick des Menschen erst notdürftig erholt – tauchte in den Fernsehnachrichten ein Trailer mit fettleibigen Schugamoms auf, weißen Sextouristinnen, die an Kenias Stränden unter den kokosnussgeölten Händen der schwarzen Beachboys Erleichterung suchten. Splitterfasernackt. Na danke vielmals, ich rettete mich vor diesem neuesten Kunstprodukt des Menschenfilmers ins Baby-TV.

Aber es half nichts, die tiefkatholische Kindheit des Filmemachers trieb ein weiteres Opus hervor, in dem – ich sah's in den Nachrichten, ja soll ich mich künftig etwa im Baby-TV über das Weltgeschehen informieren?! – eine Katholikin sich vorm Kreuz ihres Erlösers wegen der menschlichen Sexbesessenheit mit der Geißel wundtraktiert. Ich habe mir sagen lassen, am sexbesessenen Schluss „prallen die Körper aufeinander“, und zwar derart, dass das Papstfoto von der Wand fliegt: Gemeindebau-Bunga-Bunga, sozusagen.

Bitte schön, ich habe bis heute keine Ahnung, warum akkurat der Kindheitstiefkatholische eine Lizenz zum Menschenfilmer haben sollte, aber eines weiß ich: Von den Menschen, die ich kenne, bis zu meinen Meerschweinchen, die einander nach Schweinchenart lieben, ist mir noch kein Geschöpf untergekommen, das es verdient hätte, auf das abgründig-lichtlose Niveau des Menschenfilmers gebracht zu werden. Denn, um es mit Leonard Cohen zu sagen: „There is a crack in everything, that's how the light gets in.“


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2013)

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11 Kommentare

da sieht man wieder,

was einem (damit bin ich gemeint) entgeht, wenn man im leben niemals katholisch war.

der dank dafür an meine familie ist schier unendlich!

Kaum zu glauben,.....

was so eine tiefkatholische Kindheit als Ministrant in NÖ alles hergibt! Wenn es nämlich gelingt, die ekelhaften Krusten der Verdrängung aufzubrechen, wird explosionsartig ein riesiges kreatives Potential frei, und dies gilt es gewinnbringend umzusetzen, z.B. als Filmemacher.

Ich glaube, Ulrich Seidl wird noch lange von dem erzkatholischen Umfeld seiner Kindheit zehren. Nach eigenen Worten hat er noch Stoff für Filme in der Schublade für den Rest seines Lebens. Na dann!

Dumm wär er, tät er's nicht, bei dem warmen Preisregen, der auf ihn niederrieselt. Da können wir uns also noch auf Einiges gefasst machen an grauslichen Filmen.

Der Ulrich Seidl reißt nämlich den Österreichern, Weltmeister im Verdrängen, schonungslos die Maske vom Gesicht und hält ihnen einen Spiegel vor, da schaust du nur so.

Der Seidl kennt da nichts, kennt er doch die Untiefen der verqueren österreichischen Seele besser als jeder andere. Na ja, Erwin Ringel selig vielleicht ausgenommen, der hat ja Österreich als Brutstätte der Neurose bezeichnet und dem Katholizismus eine nicht unwesentliche Rolle bei der Deformierung der Kinderseele zugeschrieben.

"Cinema Paradiso" war einmal; in Zeiten wie diesen werden in österreichischen Kinos Paradiese der anderen Art präsentiert, unerbittlich, zynisch, schockierend und penetrant. Und eine Spur zu selbstgerecht.

Denn Seidl behauptet, keinesfalls zu überzeichnen: Er verfilme nur die Realität, der Zuschauer könne sich in seinen Filmen wiedererkennen.

Danke !


Das Auswalzen primitiver Regungen wird oft als Kunst verkauft. Siehe Nitsch & Konsorten.


danke für die Kritik

Dieser Menschenfilmer scheint sich auf Menschenentwürdigung inklusive Katholiken-Bashing spezialisiert zu haben. Die entwürdigende Scharia-Realität zu filmen wäre ganz ohne seine (krankhafte) Phantasie ausgekommen , aber Preise hätte er dafür nicht erhalten sondern ...?

zu ihrem niveau ... oder so

werter herr professor

eine kritik ist eine kritik ist eine kritik - so ists nun mal.

ich finde die ihre : nicht wirklich gut
zb:
...." Von den Menschen, die ich kenne, bis zu meinen Meerschweinchen, die einander nach Schweinchenart lieben, ist mir noch kein Geschöpf untergekommen, das es verdient hätte, auf das abgründig-lichtlose Niveau des Menschenfilmers gebracht zu werden. Denn, um es mit Leonard Cohen zu sagen: „There is a crack in everything, that's how the light gets in.“...

ich hoffe, dass ihnen ihnen ähnliches geschieht und sie - in einem anderen licht, das in sie scheinen mag - erkennen können, dass da ein großer menschenversteher, einer, der die menschen mag, in abgründe hinein guckt, die dem menschen eigen sind.

ihre worte habe ich schlicht herabwürdigend empfunden.

einen schönen tag ihnen

Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier.

Oder, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Oder, wer in der Ka-ke herumbohrt, darf sich nicht wundert, dass er stinkt.

Es steht außer Frage, dass in unseren Gesellschaften, die durch Wohlstand und Bildung charakterisiert sind, ein sich beschleunigender Prozess der Überalterung stattfindet.

Hier in diesem Beitrag scheint sich sich unser sehr verehrter Herr Professor in seiner Sicht der Zustände in unserer Zivilisation zu widersprechen. Dass unsere Gesellschaft von Wohlstand und einem beschleunigten Prozess der Überalterung charakterisiert ist, mag durchaus zutreffend sein. Darüber kann man sicher streiten und die Fakten wichten, aber wie weit das für die Bildung zutrifft, ist angesichts der Reichweite seichter Fernsehfilme, zahlreicher Voyeurformate und an Unterbildung nicht zu übetreffender sonstiger Standardsendungen ein eigenes Kapitel. Hier in dieser Glosse jedenfalls ist aufgezeigt, dass Bildung jedenfalls als Chraktermerkmal offenbar nicht so präsent ist, wie er es in seinem Artikel im Spektrum mit Titel
"Über den Wert alter Gehirne" niederschreibt.

Wer ist dieser "Menschenfilmer" ?

Geht es da um c-minus Filme im gratis Abendfewrbnsehprogramm?


Re: Re: Wer ist dieser "Menschenfilmer" ?

Danke! Jetzt kenn ich mich aus.
Dank der nicht zielgerichten und daher oft über- u. unterschätzen bzw. mit religiöser Inbrunst standhaft geleugneten Evolution kann ich mir nicht alles merken. Ich will aber nicht verhehlen, dass ich mir den Namen des famosen Filmers Seidl ohnehin nicht wirklich merken wollte, aber jetzt ist auch dieser Zwerg, der in der niedergehenden Sonne der Kultur lange Schatten wirft wie alle derartigen Kleingrößen, in meinem armen Hirn gespeichert und hoffentlich nur zum baldigen Vergessen!

Re: Der war guuut!


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