Alles verstehen heißt nichts liebhaben, gell?

29.01.2013 | 18:18 |  PETER STRASSER (Die Presse)

Statt im Menschen die Menschheit zu ehren, bringen wir die Menschheit aufs Niveau des Menschen herab...

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Angesichts des vielfach preisgekrönten Umstandes, dass – ich zitiere das cineastische Connaisseur-Lexikon – sich der österreichische Menschenversteherfilm vom Prinzip der „schonungslosen Empathie“ leiten lässt, will ich heute ein bissl ideenphilosophisch werden. Früher sagte man ja, nach Madame de Staëls Einsicht: „Tout comprendre c'est tout pardonner“, womit die Schöngeistin ihrer Epoche (1766–1817) meinte, dass, wer alles verstehe, sich über nichts mehr aufzuregen brauche.

Horden von Humanisten schmeichelten ihren hochwohlgeborenen Gönnern, denen, falls modern denkend, zum Mittelalter nur noch das Wort „dunkel“ einfiel. Man schwärmte vom Verstehen, denn da man das meiste ohnehin nicht verstand, gab es – Verzeihung hin, Verzeihung her – keinen Grund, all dem Blöden, Fiesen, Grausamen, Verbrecherischen und regelrecht Bösen, das die Welt bevölkerte, irgendetwas durchgehen zu lassen, nicht wahr?

Man durfte weiterhin getrost martern, an den Pranger stellen, brandmarken, auspeitschen, verbannen, den Kopf abhacken. Damit demonstrierte man staatsmännisch und menschenformerisch, dass man keineswegs bereit war, Gottes Gerechtigkeit hierorts in Vergessenheit geraten zu lassen. Aber heute. . .? Heute, da der Seelenwissenschaftler in die untersten Kellergewölbe unseres Unterbewusstseins hinabgestiegen ist und der Neuronenwissenschaftler seine Hirnsonde in die entlegensten Winkel unseres Cerebrums getrieben hat – heute haben wir alles verstanden. Alles!

Wir sind, wie wir sind, weil wir sind, die wir sind. Die Folge: schonungslose Empathie statt des Getues beim familiengottesdienstlichen Ringelreihen. „Von Mensch zu Mensch eine Brücke baun, dem andern tief in die Augen schaun – Spiegelneuronen aktivieren! –, in jedem Menschen das Gute sehn, und nicht – klatsch, klatsch, klatsch! – an ihm vorübergehn“, schreibt mir kopfschüttelnd meine familiengottesdienstlich geschulte Leserin Andrea S.

Jeder cineastisch Geschulte hingegen versteht die Selbstgeißlerin im österreichischen Menschenversteherfilm „Paradies: Glaube“ (katholisch, was sonst?), die mit dem Kruzifix – samt Erlöser drauf – Sex hat, nicht aber mit ihrem islamischen Gatten (verkrüppelt, was sonst?), der auch gern Sex hätte, bis dass das Bild des Papstes von der Wand fliegt.

Schonungslose Empathie also: Statt im Menschen – so Altmeister Kant – die Menschheit zu ehren, bringen wir die Menschheit aufs Niveau des Menschen herab, bis hinunter in die untersten Psychokeller und hinein in entlegensten Neuronenwinkel. Nein, wir lassen den Pfeil der Sehnsucht nicht mehr über uns hinausfliegen, denn wir sind die „Letzten Menschen“, von denen Nietzsches Zarathustra kündete, sie seien dem Geschlecht der Erdflöhe gleich: unaustilgbar. Ja, wir sind unaustilgbar, wir Allesversteher des Jahres 2013. . .

Das war's, was ich mir, ein Erdfloh voller Menschenverstehergrausen, gerade zur Vorbereitung auf meine Ethikvorlesung (heute: „Athaumasie“) notiert hatte, als mein Freund, der Trottel, bei meiner dreifach verriegelten Türe hereinstürzte. Kein Wunder, er lässt den Pfeil des Menschen noch über den Menschen hinausfliegen. „Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?“, tiriliert er, Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ deklamierend. Nein, schonungslose Empathie ist seine Sache nicht, weshalb er mich, nach einem Blick in meine Notizen, umarmt: „Alles verstehen heißt nichts liebhaben, gell?“ Mein Freund, der Trottel, ist eben alles andere als blöd.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2013)

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11 Kommentare

Mir scheint, Sie fühlen sich höchst unbehaglich dabei,

wenn Cineasten mit ihrem präzisen Kamerablick ".....in die untersten Kellergewölbe unseres Unterbewusstseins" vordringen, ".....bis in die dunkesten Keller unserer Psyche...." (huh!)

Denn: wer hat nicht seine Leichen im Keller, oder zumindest einen kleinen Schweinehund, der dort tief unten angekettet ist?

Na dann raten Sie mal, womit sich der nächste Film von Seidl befasst: Mit Kellern. Und: Es wird angeblich ein "Männerfilm" sein, was immer das heißen mag. Es klingt wie eine gefährlich Drohung.

Vermutlich geht er den beliebten Hobbykellern der Männer auf den Grund, in allen österreichischen Spielarten. Und Unarten.

Ich fürchte fast, dass sich Seidl Anspielungen auf Fritzl und Kampusch nicht verkneifen wird, um den Preisregen nur ja nicht versiegen zu lassen. Aber vielleicht tu ich ihm damit Unrecht.

Also: Machen Sie in den nächsten Monaten und Jahren lieber einen weiten Bogen um jedes Kino!!!

Re: Mir scheint, Sie fühlen sich höchst unbehaglich dabei,

"Django unchained" hab ich mir aber, natürlich vollgestopft mit Beruhigungszäpfchen, angeschaut! Ich find die Shootings-out dieses Mal ein bissl einfallslos, da geht's in Kill Bill, Vol. I & II, halt ganz anders zu - eben inspiriert, oder?
LG, ps

Re: Re: Mir scheint, Sie fühlen sich höchst unbehaglich dabei,

Western und knallharte Actionfilme sind nicht mein Ding, und solche à la Tarantino schon gar nicht, so perfekt sie auch gemacht sind. Männerfilme!!! Die Trailer reichen mir, um dankend abzuwinken.

Also ehrlich, ganz astrein ist dieser Typ ja nicht, direkt zum Fürchten..... Wer solche Brutalo-Filme macht, muss ganz schön durchgeknallt sein.

Re: Re: Re: Mir scheint, Sie fühlen sich höchst unbehaglich dabei,

Halt, halt, liebe Ka_Sandra, Tarantino hat große Frauenfilme gemacht, Kill Bill, Death Proof und Jackie Brown mit der großartigen Pam Grier in der Hauptrolle. LG, ps

Re: Re: Re: Re: Mir scheint, Sie fühlen sich höchst unbehaglich dabei,

Mit so einem Kino-Freak und Auskenner wie Sie einer sind, kann ich nicht mitdiskutieren; Sie sind offensichtlich wirklich süchtig nach diesen schrill-schrägen Tarantino-Filmen.

Die sind wohl nicht grundlos Kult, und je mehr man sich mit seinen und anderen Filmen auskennt, desto besser gefallen einem natürlich die vielen Anspielungen auf frühere Filmfiguren, Themen, Zitate, Melodien etc. Da würd ich kaum etwas mitkriegen.

Außerdem: wenn es zu blutig wird, streike ich, ich hab Steaks lieber well done. Und sagen Sie jetzt nicht, dass dies bei Filmen kein Widerspruch sein muss ;-)

„Athaumasie“

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie, verehrter Herr Professor, selbst zu den Athaumatikern zählen. Nur damit es nicht puplik wird, kolummnieren Sie settimanisch so empörlich!

Re: „Athaumasie“

Gratuliere! Für das Wort "settimanisch" findet sich im Goggle ein (1) Eintrag:

http://www.google.at/search?hl=de&source=hp&q=settimanisch&btnG=Google-Suche&meta=&aq=f&oq=

LG, ps

Re: Re: „Athaumasie“

"wöchentlich" wird ihrem Genius nicht gerecht!

Re: „Athaumasie“

Gratuliere! Zu "settimanisch" gibt's im Goggle einen (1) Eintrag:

http://www.google.at/search?hl=de&source=hp&q=settimanisch&btnG=Google-Suche&meta=&aq=f&oq=

LG, ps

ein trauma

seidl hat Sie schwerst traumatisiert. es bleibt nur zu hoffen, dass Sie sich baldigst auf Ihre lieblingspsychiatercouch hernieder lassen. sonst folgt in 4ter folge, hier an dieser stelle: seidl., seidl, kruzifix.
wiederholung ist zwar kennzeichen eines traumas, sollte aber nicht ständiger inhalt einer kolumne sein.

zudem kruzifix ... was sind schon flöhe gegen bakterien. nichts.
flöhe können nix, außer stechen und sich vermehren.da sind ja sogar menschen überlegen.
also hören Sie auf sich mit flöhen gering zu schätzen. das verdienen Sie nicht. Sie können mehr!

p.s. menschenkennerfilme sollten neben einer altersfreigabe, auch über eine milieufreigabe verfügen.
"WARNUNG: NIX FÜRS PRAGMATISIERTE BEAMTENTUM."

Re: ein trauma

Ich mach mir auch schon direkt Sorgen um ihn...

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