Alles verstehen heißt nichts liebhaben, gell?

Statt im Menschen die Menschheit zu ehren, bringen wir die Menschheit aufs Niveau des Menschen herab...

 

Angesichts des vielfach preisgekrönten Umstandes, dass – ich zitiere das cineastische Connaisseur-Lexikon – sich der österreichische Menschenversteherfilm vom Prinzip der „schonungslosen Empathie“ leiten lässt, will ich heute ein bissl ideenphilosophisch werden. Früher sagte man ja, nach Madame de Staëls Einsicht: „Tout comprendre c'est tout pardonner“, womit die Schöngeistin ihrer Epoche (1766–1817) meinte, dass, wer alles verstehe, sich über nichts mehr aufzuregen brauche.

Horden von Humanisten schmeichelten ihren hochwohlgeborenen Gönnern, denen, falls modern denkend, zum Mittelalter nur noch das Wort „dunkel“ einfiel. Man schwärmte vom Verstehen, denn da man das meiste ohnehin nicht verstand, gab es – Verzeihung hin, Verzeihung her – keinen Grund, all dem Blöden, Fiesen, Grausamen, Verbrecherischen und regelrecht Bösen, das die Welt bevölkerte, irgendetwas durchgehen zu lassen, nicht wahr?

Man durfte weiterhin getrost martern, an den Pranger stellen, brandmarken, auspeitschen, verbannen, den Kopf abhacken. Damit demonstrierte man staatsmännisch und menschenformerisch, dass man keineswegs bereit war, Gottes Gerechtigkeit hierorts in Vergessenheit geraten zu lassen. Aber heute. . .? Heute, da der Seelenwissenschaftler in die untersten Kellergewölbe unseres Unterbewusstseins hinabgestiegen ist und der Neuronenwissenschaftler seine Hirnsonde in die entlegensten Winkel unseres Cerebrums getrieben hat – heute haben wir alles verstanden. Alles!

Wir sind, wie wir sind, weil wir sind, die wir sind. Die Folge: schonungslose Empathie statt des Getues beim familiengottesdienstlichen Ringelreihen. „Von Mensch zu Mensch eine Brücke baun, dem andern tief in die Augen schaun – Spiegelneuronen aktivieren! –, in jedem Menschen das Gute sehn, und nicht – klatsch, klatsch, klatsch! – an ihm vorübergehn“, schreibt mir kopfschüttelnd meine familiengottesdienstlich geschulte Leserin Andrea S.

Jeder cineastisch Geschulte hingegen versteht die Selbstgeißlerin im österreichischen Menschenversteherfilm „Paradies: Glaube“ (katholisch, was sonst?), die mit dem Kruzifix – samt Erlöser drauf – Sex hat, nicht aber mit ihrem islamischen Gatten (verkrüppelt, was sonst?), der auch gern Sex hätte, bis dass das Bild des Papstes von der Wand fliegt.

Schonungslose Empathie also: Statt im Menschen – so Altmeister Kant – die Menschheit zu ehren, bringen wir die Menschheit aufs Niveau des Menschen herab, bis hinunter in die untersten Psychokeller und hinein in entlegensten Neuronenwinkel. Nein, wir lassen den Pfeil der Sehnsucht nicht mehr über uns hinausfliegen, denn wir sind die „Letzten Menschen“, von denen Nietzsches Zarathustra kündete, sie seien dem Geschlecht der Erdflöhe gleich: unaustilgbar. Ja, wir sind unaustilgbar, wir Allesversteher des Jahres 2013. . .

Das war's, was ich mir, ein Erdfloh voller Menschenverstehergrausen, gerade zur Vorbereitung auf meine Ethikvorlesung (heute: „Athaumasie“) notiert hatte, als mein Freund, der Trottel, bei meiner dreifach verriegelten Türe hereinstürzte. Kein Wunder, er lässt den Pfeil des Menschen noch über den Menschen hinausfliegen. „Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?“, tiriliert er, Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ deklamierend. Nein, schonungslose Empathie ist seine Sache nicht, weshalb er mich, nach einem Blick in meine Notizen, umarmt: „Alles verstehen heißt nichts liebhaben, gell?“ Mein Freund, der Trottel, ist eben alles andere als blöd.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2013)

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