Er heißt bürgerlich „Bert“. Also, mein Freund Adalbert-Bert, der in seinem früheren Leben Softwareentwickler war – ich habe keine Ahnung, was genau er tat, jedenfalls tat er es Tag und Nacht –, ist jetzt Frühpensionist. Bevor er Stifters „Nachsommer“ gelesen hatte, verfiel er auf die Idee, akkurat zum Chassidismus überzutreten, und zwar ausschließlich wegen der 631 – oder sind es nur 613? – Gebote, welche die Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft, penibel wie sie sind, ausnahmslos befolgen. Da hat man immer etwas zu tun!
Dabei hätte bei meinem Freund Adalbert-Bert von einem Übertritt eigentlich keine Rede sein können, denn er war sein Softwareentwicklerleben lang Digitalatheist gewesen. Credo: „Entweder 0 oder 1 oder gar nix.“ Er wäre also, um als Frühpensionist seine Tage und Nächte nicht beschäftigungslos unter der Tuchent zu verplempern, zu einem 631 – oder 613? – Glaubensgebote erfüllenden Chassidim geworden. Gerade noch rechtzeitig lernte er Adalbert Stifters „Nachsommer“ kennen. Seither will er „Adalbert“ genannt werden. Gegen das sanfte Gesetz Stifters, so mein Freund Adalbert-Bert, sei das chassidische Reglement die reinste Laxheit. Bei Stifter herrscht wirklich Ordnung, da kann man hinschauen, wo man will, da steht nirgendwo irgendwo irgendwas unschön ab, heraus oder weg, weder in der sanften Natur noch sonst wo, wo's sanft ist!
Wie mein Freund Adalbert-Bert auf den Stifter kam? Zufällig. Weil er als Frühpensionist den ganzen Tag im Bett liegen bleiben konnte, blieb er den ganzen Tag im Bett liegen, unter der Tuchent hervorseufzend, dass draußen schon die Blätter von den Bäumen fielen: „Ja, ja, na ja, na schön...“ Doch seiner Frau, die damit beschäftigt war, die Wohnung herbstlich zu schmücken – Zierkürbisse hier, ein Novemberbeerenarrangement dort, Duftkerzen, die nach den Farben des Herbstes dufteten, locker überall verteilt etc. pp. –, wurde die Seufzerei schließlich zu bunt. Kurz entschlossen steckte sie ihrem Bertibärli etwas zum Lesen unter die Tuchent. Zufällig war's der „Nachsommer“.
So ergab es sich, dass mein Freund Adalbert-Bert, nachdem er sich von seiner Frau eine Taschenlampe hatte bringen lassen, unter der Tuchent Stifter zu lesen begann. Er kam nicht weit, nämlich nur bis zu der Stelle, an welcher der junge Wanderer vor dem drohenden Gewitter im Haus eines Fremden Schutz sucht, wo er sich, um den Marmorboden nicht zu beschmutzen, gelbliche Filzpantoffel anziehen muss. Dies lesend wurde mein Freund Adalbert-Bert von der sanften Strenge Stifter'scher Filzpantoffelprosa aus dem Bett gehoben, um nach gelblichen Filzpantoffeln zu verlangen.
Seine Frau ließ ihn wissen, gelblicher Filz sei scheußlich. Sie habe kastanienbraune Hausschlapfen mit einem bereits adventlich stimmenden Mistelzweigbesatz erworben. Na schön, aber dass man ihn fortan „Adalbert“ nennen müsse, darauf bestand mein Freund Adalbert-Bert, was ihm seine Frau, im Vorübereilen mit einer Vorweihnachtstüllborte fürs Weihnachstkrippleineck, heiter versprach: Sag ich zu meinem Bertibärli halt Adalbertibärli! Klingt echt häuslich, oder?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2008)

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