Bin ich links? Bin ich rechts? Bin ich links von rechts, rechts von links? Bin ich doch zu links von rechts, als dass ich sagen dürfte, ich sei rechts von links? Sie, liebe Qualitätsleserin, lieber Qualitätsleser, fragen sich jetzt vielleicht: „Na und?“ Und jene besonders Qualifizierten unter Ihnen, die mich nur lesen, um im Selbstversuch festzustellen, ob sie einen Sonnenstich haben oder gar gehirnamputiert sind (Ihr Kriterium: Sie sind nicht gehirnamputiert, falls Sie das, was Sie lesen, für Schwachsinn halten, und Sie haben außerdem keinen Sonnenstich, falls sie das, was Sie lesen, für totalen Schwachsinn halten), halten meine eingangs gestellten Fragen womöglich für totalen Schwachsinn. Dazu kann ich bloß sagen: Da kennen Sie unseren neuen Burgtheaterdirektor aber schlecht!
Können Sie sich noch an die schlechte gute alte Zeit erinnern, als der Kommunist Claus Peymann Burgtheaterdirektor war? Damals mussten sich die Rechten in Österreich allen Ernstes fragen, ob sie die Spielwiese des linken Gesinnungsterrors fortan meiden sollten. Hätten nicht unter Peymanns Regie die Stücke des Bauernbündlers Thomas Bernhard, der die österreichische Sozialdemokratie hasste wie der Teufel das Weihwasser (er konnte auch die Nationalsozialisten nicht leiden, die den Sozialismus ohnehin im Namen trugen), am Burgtheater Gesinnungstriumphe gefeiert, man wäre der „Burg“ am besten für immer ferngeblieben.
Nun ist der Bernhard, Gott hab ihn selig, schon lange tot, und nach dem Peymann kräht, Gott sei's gedankt, bei uns schon längst kein Theaterhahn mehr. Seither hatten wir schöne Jahre, nicht wahr? Man konnte wieder heiter-besinnlich ins Burgtheater wandeln, ohne sich aus Gründen der Selbstachtung sorgen zu müssen, ob es angängig sei, sich dort als Rechts-von-links-Stehender blicken zu lassen, wenigstens bis zur Pause.
Damit ist Schluss. Und wie! Denn am 17.August 2009 – fortan ein Meilenstein der Burgtheaterbedenkkultur – erklärt der frisch ernannte Direktor gleich auf der ersten Seite des Feuilletons, das Sie gerade lesen, welche seiner zukünftigen Besucher er hasse und welche er noch mehr hasse. Am meisten würde er es zweifellos hassen, wenn sein linker alter Herr, der Unvorstellbares in der Welt angestellt zu haben scheint, ins Burgtheater käme. Jetzt werden Sie, sofern Sie nicht der Herr Papa des neuen Burg-Chefs sind, vielleicht abermals fragen: „Na und? Was geht das mich an?“ Darauf würde Ihnen der Neue – ich zitiere – Folgendes erwidern:
„Ich hasse links. Mein Vater war ein Erzlinker. Was diese 68er-Gesinnungslinken in der Welt angestellt haben – unvorstellbar! Es gibt für mich nur eines, was noch schlimmer ist als links, das ist rechts.“ Nun bin ich Hobbylogiker, und deshalb glaube ich zu wissen, was eine „erschöpfende Alternative“ ist: Links von links ist absolut links und rechts von links ist relativ rechts, während rechts von rechts absolut rechts und links von rechts relativ links ist. Ach! Ich mag sein, was ich will, im Burgtheater wird man mich fortan hassen... Meine Konsequenz: Ich geh in die „Josefstadt“. Dort spielen sie zwar nie und nimmer den ganzen Faust an einem Abend, doch dafür hassen sie mich nicht.
peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2009)















