11.02.2012 07:06 | Meine Presse Merkliste0

Herbstidyll mit Bus und Ego-Tunnel

PETER STRASSER (Die Presse)

„Wissen Sie eigentlich, dass Descartes bloß Unsinn geschrieben hat?“

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Bushaltestelle Richtung Uni. Wie immer habe ich, während ich auf den Bus warte, der wie immer zu früh gefahren ist, sodass ich auf den nächsten warten muss, der wie immer zu spät fahren wird, mein Gesicht in einem Buch vergraben, um nicht mit einem mir möglicherweise Bekannten, der mit mir zusammen auf die Uni fahren will, eines dieser sinnlosen Bushaltestellengespräche führen zu müssen. „Wie geht's?“ „Und Ihnen?“ „Der Bus hat Verspätung.“ „Nein, er war zu früh.“ „Besser zu früh als zu spät.“ „Besser später als gar nicht.“ „Sag ich auch.“ „Eben.“

Die Morgensonne scheint. Die Blätter strahlen in den allerbuntesten Farben. Im Rinnstein liegen taufeucht die Kastanien herum. Ab und zu kommt ein Rabe humpelnd angehüpft, nicht ohne uns Wartende misstrauisch zu beäugen. Er versucht, aus den Gärten gefallene Nüsse unter vorbeifahrende Autos zu rollen.

Ich hasse morgendliche Herbstidyllen. Denn sie beflügeln sogar mir völlig Unbekannte, ein Bushaltestellengespräch zu beginnen, meistens mit dem bedrohlichsten aller Eröffnungsworte: „Tschuldigung...“ Darauf lässt Österreichs Benimmpapst Schäfer-Elmayer ein schlichtes „Nichts zu entschuldigen!“ nicht als höflich gelten, und zwar mit der Begründung, dass es noch gar nichts zu entschuldigen gäbe. Folglich bleibt als benimmtaugliche Replik einzig das übliche „Ja, bitte...?“, worauf man sofort in ein Bushaltestellengespräch verwickelt wird.

Heute vergrabe ich mein Gesicht in einem Roman mit dem Titel „Irrfahrt zweier Herzen“, was den Umstehenden hoffentlich verborgen bleibt. Denn die von mir am meisten gefürchtete Bushaltestellengesprächseröffnung würde lauten: „Tschuldigung, lesen Sie etwa die ,Irrfahrt zweier Herzen‘?“ Deshalb stöberte ich vor dem Verlassen meiner bescheidenen Beamtenwohnung in meinem bescheidenen Klassikerregal nach einem Buch, dessen Umschlag die geeignete Größe hätte, um darin die „Irrfahrt zweier Herzen“ einzuschlagen. Bingo! Der Umschlag zu den „Meditationes de prima philosophia“ von René Descartes passte wie angegossen.


Aber akkurat Descartes wird mir jetzt zum Verhängnis, weil nämlich der neben mir Wartende nicht nur selber ein Buch in der Hand hält – Thomas Metzingers „Ego-Tunnel“ –, sondern außerdem meine Scheinlektüre zu kritisieren beginnt: „Wissen Sie eigentlich, dass Descartes bloß Unsinn geschrieben hat? Er hat geschrieben, dass es ein Ich, einen freien Willen und Gott gebe. Würden Sie Metzingers ,Ego-Tunnel‘ lesen, dann wüssten Sie, dass es gemäß neuester Hirnforschung kein Ich, keinen freien Willen und keinen Gott gibt!“

Statt zu antworten, entferne ich den Tarnumschlag meines eigenen Buches und halte dem Naseweisen die „Irrfahrt zweier Herzen“ unter die Nase. Das wirkt. „Ich wusste gar nicht“, sagt er kleinlaut, „dass Descartes auch Liebesromane geschrieben hat“, und fügt mit einem tiefen Seufzer hinzu: „Die Liebe gibt es, die schon...“ Da steht er nun. Er sehnt sich wohl nach der Irrfahrt zweier Herzen, während ich bereits in den Bus springe. „Tschuldigung!“, rufe ich ihm nach, obgleich es nichts zu entschuldigen gibt. Er aber seufzt hinter mir her: „Nichts zu entschuldigen, ich nehme den nächsten Bus, der kommt ohnehin immer zu früh.“


peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2009)

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1 Kommentare
Gast: gast
14.10.2009 13:11
0 0

Lob

Die heutige Kolumne gefällt mir wieder mal ausgesprochen gut. Sie ist real (obwohl sie wohl erfunden ist) und hat Witz. Danke!

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