25.05.2012 16:29 | Meine Presse Merkliste 0

Erstes Opfer der adventlichen Reichenhatz: meine Spekulatius

PETER STRASSER (Die Presse)

Während ich lernte, dass es mir gut geht, solange es den lieben Reichen gut geht, verbrannten meine Weihnachtskekse!

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Verbrannt, ach, verbrannt sind meine Spekulatius, die ich liebevoll nach Omas Rezept vorbereitet hatte: Backpulver mit Mehl vermischen, auf eine Arbeitsfläche sieben, zu einem Kranz ziehen, in die Mitte Zucker und ganze Eier platzieren, das Ganze mit einer Gabel zu einer glatten Masse verrühren, dann stückchenweise kalte Butter, Mandeln, Kandis und Gewürze – Nelken, Muskat, Koriander – untermischen, alles mit Mehl bedecken und zu einem festen Klumpen verarbeiten.

Ach, liebevoll hatte ich den Teig messerrückendick ausgewalkt und, um meinem Vollmops Paul sowie meinen Meerschweinchen Fritzi & Fratzi eine Weihnachtsfreude zu bereiten, in Form von Hundebiskotten à la Sacher und – übrigens eine Mordspizzelei – Kräuselpetersilie ausgestochen. Können Sie sich vorstellen, in welche Stimmung mein Vollmops Paul, dessen allerliebst nässelndes Plattnäschen bereits auf den lieblichen Koriander-, Muskat-, Nelken- und Mandel-Duft ofenfrischer Spekulatius eingestimmt war, schockartig versetzt wurde, als er miterleben musste, wie aus dem qualmenden Backrohr Flammenzungen schlugen, die erst gar nicht den Eindruck aufkommen ließen, das Phänomen hätte etwas mit dem Heiligen Geist zu tun?

Und weil Sie sich das ohnehin nicht vorstellen können (Fritzi & Fratzi schliefen zum Glück, ihre Bäuchlein himmelwärts gestreckt, mit dem Mund voller Biokörndln in ihren Adventsfutterschüsselchen), werden Sie mich jetzt natürlich fragen, was denn der Grund dafür gewesen sei, dass meine liebevoll zusammengerührten, ausgewalkten und ausgestochenen Spekulatius bei mittlerer Backrohrhitze in 15Minuten nicht knusprig braun gebacken waren. Hier die Antwort: Weil sie eineinhalb Stunden vor sich hin glühten!

Derart lange dauerte es nämlich, bis die drei Herbergssucher, die an meine Tür klopften, um sich mir als „unsere lieben Reichen“ angenehm zu machen, mich ihrer drohenden Existenznot hinreichend versichert hatten. Die drei Herbergssucher –, der schöne Heinz, Walter („Ich weiß nicht, wofür man mich bezahlt“) und Lobbyisten-Peter – könnten aufgrund der aktuellen Reichenhatz bald genötigt sein, in solchen Billighäusern zu leben wie unsereiner (ich), obwohl sie die Bundesbilligwohnungsgenossenschaft seinerzeit um ein kleines Vermittlungsmillionenentgelt an die bereits bestinformierten Marktbestbieter abgestoßen und sich dabei hintennach nicht wirklich schlechter gefühlt hatten.

Kurz, bei ihrer Herbergsbesichtigungstour in den Prekariatsvierteln, in denen unsereiner (ich) wohnt, kamen sie an meiner Wohnungstür vorbei, und ausgehungert, wie sie waren, seien sie dem Duft meiner Spekulatius gefolgt. Kaum eingelassen, begannen sie hinter meinem Rücken gleich gierig an den Knöpfen meines Backrohrs herumzufummeln. Ergebnis: 250Grad Ober- und Unterhitze samt Umluft.

Als unsre lieben Reichen, nachdem sie mich geschlagene eineinhalb Stunden lang mit der Basisformel eines jeden möglichen Wohlfahrtsstaats vertraut gemacht hatten – „Geht's den Reichen gut, geht's uns allen gut!“ –, mein Backrohr ausbrennen sahen, haben sie mir, nicht ohne Berufung auf die Unschuldsvermutung, per Handschlag zugesagt, ihren Butler gelegentlich ein Sackerl Spekulatius vorbeibringen zu lassen, falls ihnen nach der aktuellen Reichenhatz noch ein Taschengeld bleiben sollte... Mir soll's recht sein. Inzwischen wird mein Paul das eine oder andere Sachertörtchen – Sie wissen schon: die mit den lustigen Schlagobersöhrchen – als adventlichen Notverzehr hoffentlich akzeptieren.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2011)

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10 Kommentare
Gast: pensionär
10.12.2011 09:39
0 0

noch einmal

... ich wollte keinen Diskurs über Zukunftshorror führen (Kassandra hat das richtig erkannt), sondern nur logische Folgeketten anschneiden. Auf den "Irrwegen" der philosophischen Rechtfertigung hierarchischer Strukturen zum "kritischen" Konstruktivisten geworden sehe ich das Bild von S. Dali über den spanischen Bürgerkrieg vor mir.

Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
10.12.2011 19:40
0 0

Re: noch einmal

Na bumsti! Das ist mir zu hoch. Ich bin ein neurasthenischer Realist, da fürchtet man sich schon vorm Zaunpfahl, mit dem gewunken wird, geschweige denn vorm Galgen! LG, ps

Gast: pensionär
08.12.2011 11:00
0 0

Leider ...

... nützt der Galgenhumor nicht mehr!

Es bleibt nur mehr der Galgen.

Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
08.12.2011 15:13
0 0

Re: Leider ...

Gemach, gemach! Der Galgen kommt für mich nicht infrage, weil (a) irgendwer ja den Paul äußerln tragen muss, der wegen seiner kosmisch frustrierten Vorfreude auf die Spekulatius, die in Rauch und Flammen aufgingen, voll krass gebläht ist, und weil (b) ich meine bescheidene Beamtenküche wieder in Ordnung bringen muss, bevor ich mich aufhänge - und das kann angesichts meines total versauten Backrohrs dauern... LG, ps

Antworten Antworten Ka_Sandra
10.12.2011 08:46
0 0

Re: Re: Leider ...

Nein, nein! Wo denken Sie hin! Der Pensionär hat den Galgen doch sicher nicht für Sie in den virtuellen Raum gestellt!

Wahrscheinlich hatte er beim Lesen Ihres Blogbeitrags folgende Assoziationskette:

Galgenhumor – Galgenvögel - eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus - heimische Justiz - Unschuldsvermutung - Galgenhumor - und damit schließt sich der Teufelskreis um die Herbergssucher wieder.

Obwohl, virtuell oder nicht, Galgen ist ja schon krass, für wen auch immer.

Gast: fu hu
07.12.2011 22:36
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wieso

hat der pauli eigentlich keine blähungen mehr?

ist das glühend herbeigesehnte radfahrverbot wahr geworden oder einfach nur winterruhe?

Antworten Ka_Sandra
10.12.2011 08:49
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Re: wieso

Zu Ihrer ersten Frage:

Wissen Sie nicht um die windlösende Wirkung adventlicher Anisbusserl?

Antworten Antworten Gast: fu hu
10.12.2011 20:28
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Re: Re: wieso

ich hatte mich an die gassitragenradfahrerklingelblähdarmgeschichte vom 17. august erinnert, wobei mir innerlich eigentlich nur fenchel als windstillend bekannt ist, teilinnerlichstillend die bereits empfohlenen ohropax, äußerlich auch ohrenschützer (stilecht aus farblich abgesetztem winterwarmem mopsfell oder urig akzentuiert aus bobtailfell oder poppig aus pinkem plüsch, z.b.) bzw. das flächendeckende fahrradklingelverbot.
anisbusserl kenn ich nicht, nur schwiegermutters anisbögen. nicht für den pauli aber für mich würd ich dann doch eher den ouzo als digestif vorziehen.

Antworten Antworten Antworten Ka_Sandra
12.12.2011 21:50
0 0

Re: Re: Re: wieso

Anisgebäck habe ich als Kind immer verschmäht, inzwischen mag ich es ganz gern (obwohl ich noch immer keine Schwiegermutter bin), aber natürlich ziehe ich wie sie die hochgeistige Form vor.

So ein Pastis als Aperitiv regt ja nicht nur die Verdauungssäfte wohltuend an, sondern auch die Erinnerung an Urlaube in der Provence... seufz.

Ja, dem wird der Elsner auch nachtrauern, mit seiner Fußfessel kann er ja keine großen Sprünge machen.....

Womit wir wieder beim eigentlichen Thema dieses Blogbeitrags wären, den heimischen und gar nicht heimlichen Abzockern. Diesmal hat es PS ja kunstvoll umschrieben, damit ihm nicht gleich wieder die Anwälte auf den Pelz rücken.

Ka_Sandra
07.12.2011 17:39
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20 K+W+P 11

Ich habe den Eindruck, bei der desaströsen Heimsuchung durch den schönen Kunz-Hinz, den Leistungs-Walter und den Lobby-Peter handelte es sich nicht um eine präventive Herbergssuche, wie von PS vermutet, sondern im Gegenteil um ein verfrühtes Sternsingen.

Ob es sich dabei um drei Könige, drei Weise oder drei Magier handelte, sei dahingestellt. Ich tippe eher auf Letzteres, da ihre Taschenspielertricks legendär sind.

Gesichert scheint jedenfalls, dass sie aus dem Korinthenland einherzogen und reiche Gaben bei sich hatten: Weihrauch (Marke „Eigenlob“) und Myrrhe (ein Wermutstropfen ist immer und überall angebracht). Eigentlich wollten sie ja auch Gold mitbringen, aber das ist ihnen unterwegs abhanden gekommen. Die Welt ist voller Gauner.

Warum sie sich in die bescheidene Beamtenbehausung von PS verirrten, fragt sich nicht nur der heimgesuchte Wohnungseigentümer, dessen Küche nun ausschauen muss, als hätte dort ein Komet eingeschlagen.

Also ehrlich, ich halte diese ganze Geschichte nicht für 100% wahr. Aber wenn sie nicht wahr ist, ist sie zumindest gut erfunden.

Und es heißt ja nicht umsonst: Kein Rauch ohne Feuer. Wird schon ein Weihrauchkörnderl Wahrheit drin stecken.....


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