Verbrannt, ach, verbrannt sind meine Spekulatius, die ich liebevoll nach Omas Rezept vorbereitet hatte: Backpulver mit Mehl vermischen, auf eine Arbeitsfläche sieben, zu einem Kranz ziehen, in die Mitte Zucker und ganze Eier platzieren, das Ganze mit einer Gabel zu einer glatten Masse verrühren, dann stückchenweise kalte Butter, Mandeln, Kandis und Gewürze – Nelken, Muskat, Koriander – untermischen, alles mit Mehl bedecken und zu einem festen Klumpen verarbeiten.
Ach, liebevoll hatte ich den Teig messerrückendick ausgewalkt und, um meinem Vollmops Paul sowie meinen Meerschweinchen Fritzi & Fratzi eine Weihnachtsfreude zu bereiten, in Form von Hundebiskotten à la Sacher und – übrigens eine Mordspizzelei – Kräuselpetersilie ausgestochen. Können Sie sich vorstellen, in welche Stimmung mein Vollmops Paul, dessen allerliebst nässelndes Plattnäschen bereits auf den lieblichen Koriander-, Muskat-, Nelken- und Mandel-Duft ofenfrischer Spekulatius eingestimmt war, schockartig versetzt wurde, als er miterleben musste, wie aus dem qualmenden Backrohr Flammenzungen schlugen, die erst gar nicht den Eindruck aufkommen ließen, das Phänomen hätte etwas mit dem Heiligen Geist zu tun?
Und weil Sie sich das ohnehin nicht vorstellen können (Fritzi & Fratzi schliefen zum Glück, ihre Bäuchlein himmelwärts gestreckt, mit dem Mund voller Biokörndln in ihren Adventsfutterschüsselchen), werden Sie mich jetzt natürlich fragen, was denn der Grund dafür gewesen sei, dass meine liebevoll zusammengerührten, ausgewalkten und ausgestochenen Spekulatius bei mittlerer Backrohrhitze in 15Minuten nicht knusprig braun gebacken waren. Hier die Antwort: Weil sie eineinhalb Stunden vor sich hin glühten!
Derart lange dauerte es nämlich, bis die drei Herbergssucher, die an meine Tür klopften, um sich mir als „unsere lieben Reichen“ angenehm zu machen, mich ihrer drohenden Existenznot hinreichend versichert hatten. Die drei Herbergssucher –, der schöne Heinz, Walter („Ich weiß nicht, wofür man mich bezahlt“) und Lobbyisten-Peter – könnten aufgrund der aktuellen Reichenhatz bald genötigt sein, in solchen Billighäusern zu leben wie unsereiner (ich), obwohl sie die Bundesbilligwohnungsgenossenschaft seinerzeit um ein kleines Vermittlungsmillionenentgelt an die bereits bestinformierten Marktbestbieter abgestoßen und sich dabei hintennach nicht wirklich schlechter gefühlt hatten.
Kurz, bei ihrer Herbergsbesichtigungstour in den Prekariatsvierteln, in denen unsereiner (ich) wohnt, kamen sie an meiner Wohnungstür vorbei, und ausgehungert, wie sie waren, seien sie dem Duft meiner Spekulatius gefolgt. Kaum eingelassen, begannen sie hinter meinem Rücken gleich gierig an den Knöpfen meines Backrohrs herumzufummeln. Ergebnis: 250Grad Ober- und Unterhitze samt Umluft.
Als unsre lieben Reichen, nachdem sie mich geschlagene eineinhalb Stunden lang mit der Basisformel eines jeden möglichen Wohlfahrtsstaats vertraut gemacht hatten – „Geht's den Reichen gut, geht's uns allen gut!“ –, mein Backrohr ausbrennen sahen, haben sie mir, nicht ohne Berufung auf die Unschuldsvermutung, per Handschlag zugesagt, ihren Butler gelegentlich ein Sackerl Spekulatius vorbeibringen zu lassen, falls ihnen nach der aktuellen Reichenhatz noch ein Taschengeld bleiben sollte... Mir soll's recht sein. Inzwischen wird mein Paul das eine oder andere Sachertörtchen – Sie wissen schon: die mit den lustigen Schlagobersöhrchen – als adventlichen Notverzehr hoffentlich akzeptieren.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2011)















