Gerade in der weihnachtlichen Keksbackzeit kommt der Frage, ob wir eine Seele haben, grundexistenzielle Bedeutung zu. Ja, als jemand, der sich sowohl mit der Frage, ob wir eine Seele haben, als auch mit jener anderen – nicht weniger fundamentalen –, wie ein Weihnachtskeks richtig zu backen sei, sein ganzes Keksbackleben lang beschäftigt hat, wage ich die These, dass ohne adventlich korrekte Antwort auf die Frage, ob wir eine Seele haben, kein einziger Weihnachtskeks richtig zu backen sei.
Denn nur der seelenvoll gebackene ist ein richtig gebackener Weihnachtskeks. Alles andere ist Weihnachtskekspfuscherei, was die Frage, ob wir eine Seele haben, bereits keksbackpragmatisch vorabklärt. Jedenfalls hat mein Vollmops Paul eine Seele – und ich behaupte, meine Meerschweinchen Fritzi & Fratzi erst recht, nämlich eine vollwertige Meerschweinchenseele, weil, wie schon John Stuart Mill in seinem Werk „Utilitarianism“ 1861 erkannt hat, nicht jeder eine Sokrates-Seele haben kann.
Beweis Nr. 1. Als letztens meine seelenvoll ausgewalkten und pizzelig ausgestochenen Spekulatius im Backrohr verbrannten (mich lenkte die tränenreiche Schicksalserzählung unserer lieben Reichen ab, die, wegen der laufenden Reichenhatz praktisch obdachlos geworden, in den bescheidenen Unterkünften der von ihnen einst nach allen Regeln der Insiderkunst veräußerten Bundeswohnungsgenossenschaft auf Herbergssuche waren, wobei sie von dem unter meiner zugigen Tür seelenvoll ausströmenden Spekulatiusduft angelockt wurden), da hätten Sie sehen sollen, wie sich die allerliebst Basedow'schen Äuglein meines Pauls verfinsterten. Das war der stumme Schrei tiefster Seelenverfinsterung!
Beweis Nr. 2. Während sich Pauls sokratisch gestimmte Seele verfinsterte („Ich weiß, dass ich nichts weiß, sonst hätten die Spekulatius nicht verbrennen dürfen!“), schliefen Fritzi & Fratzi, ihre schnuckeligen Kugelbäuchlein seelenvoll himmelwärts gestreckt, mit dem Mund voller Biokörndln in ihren Adventsfutterschüsselchen: Wenn das kein Beweis für die Existenz einer glücklichen Schweinchenseele wäre, dann hätten die rechtgläubigen Christenmenschen den Glücksethiker Mill einst zu Unrecht als „Schweinephilosophen“ (pig-philosopher) gerühmt.
Bevor ich mich jetzt dem seelenvollen Backen des urösterreichischen Weihnachtskekses namens „Mandelzwicker“ zuwende – welcher, eingedenk der unbezweifelbaren Wahrheit „ubique daemon“, praktisch jeder Backrohrhitze standhält –, sollte ich, als bescheiden pragmatisierter Fachmann für derlei metaphysische Fragen, noch schnell ein Wort zu dem Gelehrtenstreit des ausklingenden Jahres 2011 sagen. Während der Mathematiker Rudolf Taschner behauptet, er habe eine Seele und sei daher in der Lage, Böses zu tun, behauptet der Zoologe Kurt Kotrschal, er habe keine Seele und sei daher nicht in der Lage, Böses zu tun.
Ich schlage hiermit, zur definitiven Lösung des Streits, den beiden denkerisch aufgewühlten Kontrahenten vor, gemeinsam zwei Bleche Mandelzwicker zu backen – und zwar im Andenken an den zweifachen Beweis der Außenwelt des unsterblichen Philosophen G.E. Moore, der, um den Beweis („Proof of an External World“, 1939) zu führen, zuerst seine eine Hand hochhob und sagte: „Hier ist eine Hand“, und dann seine andere und sagte: „Hier ist noch eine.“ Heben Sie doch, meine Herren, Ihre Bleche voll Mandelzwicker hoch, die Sie seelenvoll gebacken haben, und sagen Sie: „Hier ist eines“, und dann: „Hier ist noch eines“... Quod erat demonstrandum.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2011)















