25.05.2012 16:30 | Meine Presse Merkliste 0

Im Advent zu beantworten: Wer alles hat eine Seele?

PETER STRASSER (Die Presse)

Rudolf Taschner, mein Vollmops Paul und die Meerschweinchen Fritzi & Fratzi haben eine. Hat Kurt Kotrschal wirklich keine?

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Gerade in der weihnachtlichen Keksbackzeit kommt der Frage, ob wir eine Seele haben, grundexistenzielle Bedeutung zu. Ja, als jemand, der sich sowohl mit der Frage, ob wir eine Seele haben, als auch mit jener anderen – nicht weniger fundamentalen –, wie ein Weihnachtskeks richtig zu backen sei, sein ganzes Keksbackleben lang beschäftigt hat, wage ich die These, dass ohne adventlich korrekte Antwort auf die Frage, ob wir eine Seele haben, kein einziger Weihnachtskeks richtig zu backen sei.

Denn nur der seelenvoll gebackene ist ein richtig gebackener Weihnachtskeks. Alles andere ist Weihnachtskekspfuscherei, was die Frage, ob wir eine Seele haben, bereits keksbackpragmatisch vorabklärt. Jedenfalls hat mein Vollmops Paul eine Seele – und ich behaupte, meine Meerschweinchen Fritzi & Fratzi erst recht, nämlich eine vollwertige Meerschweinchenseele, weil, wie schon John Stuart Mill in seinem Werk „Utilitarianism“ 1861 erkannt hat, nicht jeder eine Sokrates-Seele haben kann.

Beweis Nr. 1. Als letztens meine seelenvoll ausgewalkten und pizzelig ausgestochenen Spekulatius im Backrohr verbrannten (mich lenkte die tränenreiche Schicksalserzählung unserer lieben Reichen ab, die, wegen der laufenden Reichenhatz praktisch obdachlos geworden, in den bescheidenen Unterkünften der von ihnen einst nach allen Regeln der Insiderkunst veräußerten Bundeswohnungsgenossenschaft auf Herbergssuche waren, wobei sie von dem unter meiner zugigen Tür seelenvoll ausströmenden Spekulatiusduft angelockt wurden), da hätten Sie sehen sollen, wie sich die allerliebst Basedow'schen Äuglein meines Pauls verfinsterten. Das war der stumme Schrei tiefster Seelenverfinsterung!

Beweis Nr. 2. Während sich Pauls sokratisch gestimmte Seele verfinsterte („Ich weiß, dass ich nichts weiß, sonst hätten die Spekulatius nicht verbrennen dürfen!“), schliefen Fritzi & Fratzi, ihre schnuckeligen Kugelbäuchlein seelenvoll himmelwärts gestreckt, mit dem Mund voller Biokörndln in ihren Adventsfutterschüsselchen: Wenn das kein Beweis für die Existenz einer glücklichen Schweinchenseele wäre, dann hätten die rechtgläubigen Christenmenschen den Glücksethiker Mill einst zu Unrecht als „Schweinephilosophen“ (pig-philosopher) gerühmt.

Bevor ich mich jetzt dem seelenvollen Backen des urösterreichischen Weihnachtskekses namens „Mandelzwicker“ zuwende – welcher, eingedenk der unbezweifelbaren Wahrheit „ubique daemon“, praktisch jeder Backrohrhitze standhält –, sollte ich, als bescheiden pragmatisierter Fachmann für derlei metaphysische Fragen, noch schnell ein Wort zu dem Gelehrtenstreit des ausklingenden Jahres 2011 sagen. Während der Mathematiker Rudolf Taschner behauptet, er habe eine Seele und sei daher in der Lage, Böses zu tun, behauptet der Zoologe Kurt Kotrschal, er habe keine Seele und sei daher nicht in der Lage, Böses zu tun.

Ich schlage hiermit, zur definitiven Lösung des Streits, den beiden denkerisch aufgewühlten Kontrahenten vor, gemeinsam zwei Bleche Mandelzwicker zu backen – und zwar im Andenken an den zweifachen Beweis der Außenwelt des unsterblichen Philosophen G.E. Moore, der, um den Beweis („Proof of an External World“, 1939) zu führen, zuerst seine eine Hand hochhob und sagte: „Hier ist eine Hand“, und dann seine andere und sagte: „Hier ist noch eine.“ Heben Sie doch, meine Herren, Ihre Bleche voll Mandelzwicker hoch, die Sie seelenvoll gebacken haben, und sagen Sie: „Hier ist eines“, und dann: „Hier ist noch eines“... Quod erat demonstrandum.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2011)

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9 Kommentare
aquilo
17.12.2011 10:37
0 0

Taschner versus Kotrschal

Ich schätze bei sehr. Die Heftigkeit des Disputes in der Presse dieser beiden Herren hat mich sehr erstaunt. Warum Kotrschal derart massiv gegen Taschner losging, habe ich als interessierter Philosophielaie nicht nachvollziehen können. Daß es hier um Theist gegen Atheist geht, bedeutet ein gewisse Klarstellung der Fronten. Ich werde mir die Artikel dieser beiden Herren in der Presse unter diesem Aspekt erneut zu Gemüte führen. Hoffentlich vertstehe ich den Disput dann besser. Aber vielleicht ist Herr Prof. Straser als beamteter Philosoph, der für solche Fragen zuständig ist, bereit dies noch ausführlicher zu erläutern. Ich bitte darum sehr Herr Professor!

Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
17.12.2011 19:28
0 0

Re: Taschner versus Kotrschal

Also fürs Erste würde ich folgenden Link nennen:
http://science.orf.at/stories/1672093/
Genaueres ließe sich nur via E-Mail mitteilen.
LG, ps

Gast: vanille kuh
14.12.2011 11:22
1 0

Kotrschal (und Taschner) sei Dank!

Dafür, daß seit Jahren in dieser Rubrik einmal ein - für nicht mops-philosophen-lastige Leser - "vernünftiger" Artikel erscheint, den man von vorne an zu Ende lesen kann - statt wie bisher: erster Satz, die zwei letzten Sätze, reicht. !


Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
14.12.2011 15:15
0 0

Re: Kotrschal (und Taschner) sei Dank!

Ha, das kenn ich aus meinen Kursen: Bloß den ersten und die beiden letzten Sätze lesen wollen... Nicht genügend, setzen, vanille kuh!

Antworten Antworten Gast: vanille kuh
18.12.2011 17:30
0 0

Danke für die Zensur - das nenne ich wahre Nachkommenschaft der "Neuen freien Presse"!

Danke für die fünf - Hr. Prof., von mir eine sechs für Ihre Artikel.

Und jetzt dürfen Sie wieder über mich herziehen, wegen meiner (gewollt) "piefkinesichen" Ausdrucksweise.

An die Zensur: Bitte wieder zensieren, ist ja so verwerflich, auf eine "Benotung" à la Oberlehrer ebenso mit einer "Benotung" zu reagieren. Danke für die "Meiungsfreiheit"!

Antworten Antworten Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
18.12.2011 19:34
0 0

Re: Danke für die Zensur - das nenne ich wahre Nachkommenschaft der "Neuen freien Presse"!

Liebe vanille kuh, Ihnen einen römischen Einser für die Erfindung der Note "Sechs". So einen Sechser würden wir dringend in unserem Bildungssystem brauchen! Lg, ps

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: vanille kuh
18.12.2011 20:05
0 0

Re: Re: Danke für die Zensur - das nenne ich wahre Nachkommenschaft der "Neuen freien Presse"!

Aber bitte gerne doch, Hr. Prof., weil wir in unseren Schulden ja dringendst die Mops- und Spekulatius-Philosophie zur Erfüllung des Bildungsauftrages für unsere ansonsten minderbemittelten Schüler benötigen!

Vater Kant, schau herunter und hilf ...

Antworten Antworten Ka_Sandra
14.12.2011 17:12
0 1

Re: Re: Kotrschal (und Taschner) sei Dank!

Ja echt, typisch minimalistisch, diese vanille kuh.

Ich hab mich aber offen gestanden dem geistigen Inhalt des heutigen Beitrages auch noch gar nicht richtig widmen können, denn schon im ersten Absatz schreiben Sie: DER Keks!!! (und es bleibt nicht bei dem einen Mal).

Seit wann greifen Sie auf Piefkinesisch zurück? Ich gestehe Ihnen gern zu, dass Ihnen etwas auf DEN Keks geht, wenn Sie unbedingt meinen, aber bitte sagen und schreiben Sie DAS Keks, wenn es ums Backen urösterreichischer Identitätsstifter geht!!! Ich bin noch immer ganz indigniert.

P.S.: Na gut, immerhin haben Sie nicht Plätzchen geschrieben, sonst hätt Ihnen glattwegs auch ein „Nicht genügend, setzen!“ gebührt.

P.P.S.: Haben Sie gewusst, dass es Menschen gibt, die sogar Fußbällen (!) eine Seele (!) zuschreiben? Sachen gibt’s....

Antworten Antworten Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
14.12.2011 19:23
0 0

Re: Re: Re: Kotrschal (und Taschner) sei Dank!

Aber bitte, "pizzeln" hab ich mit zwei "z" geschrieben - dazu bedurfte es einiger Überredungskunst gegenüber dem von mir hochgeschätzten Lektorat! LG, ps

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