25.05.2012 16:31 | Meine Presse Merkliste 0

Ans Christkindl glauben ich und mein Freund, der Trottel

PETER STRASSER (Die Presse)

Doch seit die arme reiche Corinna in die Privatkinderkrippe outgesourct wurde, glaubt sie nicht mehr ans Christkindl...

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Und das, nachdem ich heute, kurz vor Heiligabend, meinem Freund, dem Trottel, erzählte, ich hätte das Christkindl am Fenster meiner bescheidenen Beamtenwohnung im fünften Stock des von unseren lieben Reichen an den bestinformierten Marktbestbieter verscherbelten Hauses der ehemaligen Bundeswohnungsgenossenschaft (Buwog) vorbeifliegen sehen! Mein Freund, der Trottel, platzt fast vor Begeisterung, sodass mir fast das Trommelfell platzt: Das hätte glatt er selbst sein können, der an meinem Fenster vorbeigeflogen sei, weil er nämlich dieses Jahr einen Kurs im Christkindl-Paragliding absolviert habe – ein absolutes Muss für alle, die ans Christkindl glauben!

Was könnte es denn Dringlicheres geben, als paragleitend dem Christkindl zu begegnen, um mit ihm im Paarflug ein paar Runden über den Köpfen der Beamtenhascher in den verscherbelten Buwog-Häusern zu ziehen, na?! Ehrlich gesagt, ich könnte mir Dringlicheres vorstellen, zum Beispiel die Buwog-Verscherbler, den schönen Karl-Heinz, Walter („Ich weiß nicht, wofür man mich bezahlt“) und Lobbyisten-Peter, endlich dort zu sehen, wo sie hingehören. Ich verschweige mich indessen, denn mein Freund, der Trottel, glaubt nur an das, was wahr, gut und schön ist, also auch ans Christkindl.

Außerdem muss ich hinunter in den Hof. Mein Vollmops Paul möchte – ich schnupper's – äußerln getragen werden. Dieser, ein Keksconnaisseur, hat sich praktisch den ganzen Tag mit einer Keksdose voller Mandelzwicker vergnügt, die mir heuer wunderbar knacksig gelungen sind (man soll zwar warten, bis sie ein wenig mürbe wurden, aber das ist nichts für meinen knackigen Paul).

Und da passiert es dann. Einer unserer lieben Reichen, der aufgrund chronischer Spekulationitis (nicht zu verwechseln mit den Spekulatius) bettelarm geworden und daher in meinem beamteten Prekariatsviertel in eine armselige 200-Quadratmeter-Wohnung gezogen ist, schleift seine frühreife Tochter hinter sich her und direkt auf mich zu.

Corinna heißt sie, und sie glaubt nicht ans Christkindl, weil sie, seit sie in die Privatkinderkrippe outgesourct wurde, an gar nichts mehr glaubt. Das, so unser lieber Reicher, solle ich ihr jetzt auf der Stelle ausreden, ich sei doch beamteter Philosoph, oder? Zwar kein Provisions-, doch wohl Trinkgeldempfänger, oder?!

Corinna zeigt mir gleich ihre gepiercte Zunge, wobei sie es schafft, mich zungenzeigend anzumaulen. Es klingt nach „alter Sack“ und „Gott ist tot“, was mich nicht weiter stören würde, wenn ich nicht gerade oben, im fünften Stock, bei meinem Fenster das Christkindl vorbeifliegen sehen würde und neben ihm, paragleitend, meinen Freund, den Trottel, der mir mit Händen und Füßen zuwinkt. Dabei schwenkt er lautlos eine Engelsposaune, statt sie lauthals zu blasen (mein Freund, der Trottel, denkt eben umweltlärmbewusst), weshalb Corinna, die meinen Paul schamlos beim Absetzen seines gerade kosmischen Mandelzwickerhaufens beobachtet, den Christkindlpaarflug über ihr nicht bemerkt.

„Scheiße“, sagt sie, und da will ich ihr nicht widersprechen, denn das überirdisch erleichterte Glänzen in den christbaumkugeligen Äuglein meines Pauls kündet von einer spirituellen Welt, die der armen reichen Corinna verschlossen bleiben wird, solange sie sich an der Hand ihres Vaters, unseres lieben armen Reichen, der ans Börsenchristkindl glaubt, herumschleifen lassen muss. „Ja, Scheiße“, sage ich und freue mich, mit Paul in meinen Armen, bereits darauf, was uns das Christkindl heuer bringen wird.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2011)

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10 Kommentare
Ka_Sandra
24.12.2011 13:22
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Dringlicher Wunsch ans Christkindl

Ich würde die flotten Buwog-Verscherbler auch gerne dort sehen, wo sie hingehören!

Blöd nur, dass Julius Quintus, aka „Leger der Anleger“, die 100 Millionen Kaution noch immer nicht an seinen Spezl nach Liechtenstein rücküberweisen konnte, weil die österreichische Justiz das Geld einfach nicht rausrücken will.

Woher soll denn der schöngefönte Kahagee auf die Schnelle so eine Supersauberkaution herzaubern, wenn’s brenzlig wird?

Aber vielleicht liegt ja auf dem Stiftungskonto immer noch genug Geld, um derartige Imponderabilien abzufedern; und schlimmstenfalls muss halt die Fiona ein paar ihrer Klunkern versetzen.

Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
24.12.2011 13:44
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Re: Dringlicher Wunsch ans Christkindl

Liebe Ka_Sandra, da heut das Christkindl kommt, Ihnen nur dies: Ein gesegnetes Fest! (Und - frommer Wunsch - Friede den Anständigen auf Erden...) ps

Gast: fu hu
24.12.2011 00:52
0 0

zum christkindl

schenk ich ihnen, dem pauli und dem trottel ein paar sätze aus "secondhand lions", gespielt von robert duval. er sagt sie zu einem buben, der auch nicht weiß, was er glauben kann:

If you want to believe in something, then believe in it.
Just because something isn't true, that's no reason you can't believe it.

Sometimes the things that may or may not be true are the things a man needs to believe in the most.
That people are basically good;
that honor, courage, and virtue mean everything;
that power and money, money and power mean nothing;
that good always triumphs over evil;
and I want you to remember this, that love... true love never dies.
You remember that, boy.
You remember that.
Doesn't matter if it's true or not.
You see, a man should believe in those things, because those are the things worth believing in.
Got that?

frohes fest!

Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
24.12.2011 13:39
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Re: zum christkindl

Vergelt's Gott, lieber fu hu! - und auch dem pensionär ein frohes Fest, poetisch und gereimt... ps

aquilo
23.12.2011 17:12
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den Gott sprach schon im Pentateuch: Ich, der euch schuf, ich liebe euch.

Schon lange vor der Aufklärung hat dieser Satz die Gemüter von Denkern erregt! Was soll der Blödsinn. Worin besteht Gottes Liebe? Daß wir eine Wirbelsäule haben, die an sich für 4- Beiner gedacht war? Oder das das große Erdbeben von Lissabon eine ganze Stadt vernichtet hat? Wer sagt, das Gott uns liebt und das es überhaupt einen gibt?
Und wenn das Unglück und das Leid nicht erklärt werden können, dann ist es immer der unerforschliche Ratschluß?

Antworten Gast: pensionär
08.01.2012 20:06
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Re: den Gott sprach schon im Pentateuch: Ich, der euch schuf, ich liebe euch.

Nun, wer zu den Menschen sprechen will kann es nicht als Atheist oder Agnostiker tun, das Volk versteht ja auch den Anarchisten nicht.
Aber sie haben hinter dem, was die Hierarchie ihnen vorgaukelt auch ein wenig "emotionalen Verstand" - an den waren die Verse gerichtet.

Antworten Antworten aquilo
08.01.2012 23:00
0 0

Re: Re: den Gott sprach schon im Pentateuch: Ich, der euch schuf, ich liebe euch.

Weder für die Ethik noch für den emotionalen Verstand ist eine Offenbarung und eines Transzendenz nötig

Antworten Antworten Antworten Gast: pensionr
09.01.2012 06:26
0 0

Re: Re: Re: den Gott sprach schon im Pentateuch: Ich, der euch schuf, ich liebe euch.

Ich glaube von Ihnen missverstanden zu werden. Als Naturwissenschaftler und Techniker neige ich philosophisch zum Konstruktivismus (natürlich auch Kritizist) - bin aber eher Anarchist als Atheist, d. h. die religiösen Vorstellungen machen mir eine "Identität des Universums" zu KLEIN - aber im Sinne der Weltreligionen bin ich natürlich Atheist.

Ich meine, dass z. b. der alten Bäuerin im Lesachtal, die ein Leben lang um des täglichen Brotes willen geschuftet hat, einen Lichtblick vergönnen sollte, um diese Fron zu ertragen.

GRENZEN DER ERKENNTNIS.

Gewaltig wölbt des Himmels Dom,
nicht endend um die Erde
ergießt sich auch der Sterne Strom,
damit es heller werde.
Erleuchtung, Allmacht, ist dein Wort,
die Welten zu erreichen.
Gegenwart ist nur ein Ort,
an dem wir Zeit vergleichen.
Unendlichkeit ersann dein Geist.
Das Licht verbindet Fernen,
wenn es durch die Äonen reist.
Vergangenheit von Sternen
erschaut das Auge. Der Verstand
kann an dem Gleichnis reifen,
ein „Bild“ zu finden und den Rand
des Weltalls zu begreifen.

Man kann aber auch Hawkins verstehen, dessen "Wirklichkeit" an seine Krankheit gebunden ist und in ihr Rechtfertigung für die Evolution sucht.
Die Reality ist nicht einmal Chaos, sondern Tohuwabohu ohne Strukturen, mit der wir Wissenschaft betreiben.

Sie können auch privat mit mir diskutieren
http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Peter_Sinnl

Antworten Antworten Antworten Antworten aquilo
09.01.2012 13:17
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Gerne nehme ich die österr. Ingenieurskunst in Anspruch,

aber, Sie verzeihen mir bitte meine Absage, wenn es um Philosophie oder um Theologie geht, halte ich mich eher an Fachleute, denn Dilettant bin ich selber!

Gast: pensionär
23.12.2011 07:35
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Das Christkind (poetisch)


In einem Stall von Bethlehem
lag einst der Menschheit Diadem,
der Stern der Liebe, der Erwählte,
von dem Jesaja schon erzählte.
Er, der die Menschheit aus der Nacht
ins Licht der Wahrheit hat gebracht.
Er sollte diese Welt erhellen,
in Freiheit Seit an Seite stellen
die Brüder, Schwestern vor dem Wort,
verbinden zur Ohn-Mächt'gen Hort.
Das Volk, das auf sein Kommen schwört
Hat seine Botschaft überhört.
Was halfen der Propheten Mahnung,
wenn der Verstand bar jeder Ahnung,
wenn ihre Sprache nicht enthält
den einfachsten Satz der Welt,
den Gott sprach schon im Pentateuch:
Ich, der euch schuf, ich liebe euch.

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