Und das, nachdem ich heute, kurz vor Heiligabend, meinem Freund, dem Trottel, erzählte, ich hätte das Christkindl am Fenster meiner bescheidenen Beamtenwohnung im fünften Stock des von unseren lieben Reichen an den bestinformierten Marktbestbieter verscherbelten Hauses der ehemaligen Bundeswohnungsgenossenschaft (Buwog) vorbeifliegen sehen! Mein Freund, der Trottel, platzt fast vor Begeisterung, sodass mir fast das Trommelfell platzt: Das hätte glatt er selbst sein können, der an meinem Fenster vorbeigeflogen sei, weil er nämlich dieses Jahr einen Kurs im Christkindl-Paragliding absolviert habe – ein absolutes Muss für alle, die ans Christkindl glauben!
Was könnte es denn Dringlicheres geben, als paragleitend dem Christkindl zu begegnen, um mit ihm im Paarflug ein paar Runden über den Köpfen der Beamtenhascher in den verscherbelten Buwog-Häusern zu ziehen, na?! Ehrlich gesagt, ich könnte mir Dringlicheres vorstellen, zum Beispiel die Buwog-Verscherbler, den schönen Karl-Heinz, Walter („Ich weiß nicht, wofür man mich bezahlt“) und Lobbyisten-Peter, endlich dort zu sehen, wo sie hingehören. Ich verschweige mich indessen, denn mein Freund, der Trottel, glaubt nur an das, was wahr, gut und schön ist, also auch ans Christkindl.
Außerdem muss ich hinunter in den Hof. Mein Vollmops Paul möchte – ich schnupper's – äußerln getragen werden. Dieser, ein Keksconnaisseur, hat sich praktisch den ganzen Tag mit einer Keksdose voller Mandelzwicker vergnügt, die mir heuer wunderbar knacksig gelungen sind (man soll zwar warten, bis sie ein wenig mürbe wurden, aber das ist nichts für meinen knackigen Paul).
Und da passiert es dann. Einer unserer lieben Reichen, der aufgrund chronischer Spekulationitis (nicht zu verwechseln mit den Spekulatius) bettelarm geworden und daher in meinem beamteten Prekariatsviertel in eine armselige 200-Quadratmeter-Wohnung gezogen ist, schleift seine frühreife Tochter hinter sich her und direkt auf mich zu.
Corinna heißt sie, und sie glaubt nicht ans Christkindl, weil sie, seit sie in die Privatkinderkrippe outgesourct wurde, an gar nichts mehr glaubt. Das, so unser lieber Reicher, solle ich ihr jetzt auf der Stelle ausreden, ich sei doch beamteter Philosoph, oder? Zwar kein Provisions-, doch wohl Trinkgeldempfänger, oder?!
Corinna zeigt mir gleich ihre gepiercte Zunge, wobei sie es schafft, mich zungenzeigend anzumaulen. Es klingt nach „alter Sack“ und „Gott ist tot“, was mich nicht weiter stören würde, wenn ich nicht gerade oben, im fünften Stock, bei meinem Fenster das Christkindl vorbeifliegen sehen würde und neben ihm, paragleitend, meinen Freund, den Trottel, der mir mit Händen und Füßen zuwinkt. Dabei schwenkt er lautlos eine Engelsposaune, statt sie lauthals zu blasen (mein Freund, der Trottel, denkt eben umweltlärmbewusst), weshalb Corinna, die meinen Paul schamlos beim Absetzen seines gerade kosmischen Mandelzwickerhaufens beobachtet, den Christkindlpaarflug über ihr nicht bemerkt.
„Scheiße“, sagt sie, und da will ich ihr nicht widersprechen, denn das überirdisch erleichterte Glänzen in den christbaumkugeligen Äuglein meines Pauls kündet von einer spirituellen Welt, die der armen reichen Corinna verschlossen bleiben wird, solange sie sich an der Hand ihres Vaters, unseres lieben armen Reichen, der ans Börsenchristkindl glaubt, herumschleifen lassen muss. „Ja, Scheiße“, sage ich und freue mich, mit Paul in meinen Armen, bereits darauf, was uns das Christkindl heuer bringen wird.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2011)















