Bitte, ich weiß nicht hundertprozentig, was ich bin. Aber mein Kollege, der Amerikanist, der es in unserem schönen Land zu einer außerordentlichen Professur brachte, weil er antiamerikanischer Amerikanist ist, weiß, was ich bin. Auch ich bin, so mein Kollege, antiamerikanisch. Denn: „What else?“
Da ich nicht hundertprozentig weiß, was ich bin, weiß ich auch nicht hundertprozentig, was ich dazu sagen soll, dass ich antiamerikanisch bin. Aber das ist, sagt mein Kollege, okay. Worauf ich antworte: „Okay?“ Worauf er antwortet, dass die Amerikaner an allem schuld sind. Worauf ich antworte: „Okay?“ Worauf er antwortet, dass die Amerikaner daran schuld sind, dass Weihnachten nicht mehr ist, was es war: In Peter Roseggers Waldheimat wetzte man sich einst auf Holzbänken den Hosenboden blank, während mit roten Backen immerfort „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen wurde, bis man beim Schein der Laterne durch knietiefen Schnee der Mitternachtsmette entgegenwatete.
Worauf ich antworte: „Okay?“ Worauf er antwortet, dass die Amerikaner daran schuld sind, dass bei uns lauter Magerfettsüchtige herumlaufen; dass es keine Tradition mehr gibt, weil aus Tellerwäschern niemals Millionäre, sondern aus Billionären herumzigeunernde Mistkübelstierler werden; dass die Juden an der Ostküste mit Großbanken um sich schmeißen und dass Chicken McNuggets zu Österreichs Leibspeise geworden sind. Worauf ich antworte: „Okay?“
Bitte, da ich mich als Philosoph mehr in der Transzendenz als in der Welt auskenne, halte ich lieber meinen Mund, wenn mein Kollege seinen aufmacht, notabene, wo das Chicken-McNuggets-Menü – inklusive McPommes, McCola und den herrlichen McBagels hintennach – zu meinen Leibgerichten zählt. Wenn aber mein Kollege seinen Mund zwischendurch wieder zumacht, wartet er darauf, dass ich ihm, quasi als rhetorisches Schmieröl, die uramerikanische Kommunikationsermunterungsfrage stelle: „Okay?“ Das liest sich leicht, bedarf indessen eines phonetischen Trainings: „oukeiiii...?“ – mit einem gedehnten Fragezeichen am Schluss (fragen Sie mich nicht, wie man ein Fragezeichen dehnt, man tut es einfach). Gelingt mir die Lautung, legt mein Kollege gleich wieder los:
Man darf sich keinesfalls wundern, wenn in Nordkorea die vor Lebenslust strotzende Landbevölkerung, die als Feinschmeckerbonus ein bis zwei Mal im Leben ein Hühnerei verzehrt – nicht ohne dafür ihrem herrlich fettgepolsterten Führer mit hungerenthusiastischen Hymnen zu huldigen – den Antiamerikanismus bereits mit der Muttermilch schmatzend einsaugt, sofern die Mutter gerade Milch führt, was zu weiteren Hymnen auf die herrlich fettgepolsterte Führergottheit Anlass gibt.
Worauf ich antworte: „Okay?“ (oukeiiii...?). Außerdem wünsche ich heute meinem Kollegen einen guten Rutsch, weswegen er mir höhnisch lachend – „Guter Rutsch, hahaha, dass ich nicht lache!“ – antwortet, dass wir eine Höllenfahrt mit den apokalyptischen Reitern Moody's, Standard & Poor's und Fitch vor uns haben: „Bullshit 2012!“ Worauf mir, als Silvesterkommunikationsermunterungsbonus, bereits ein superultragedehntes „Okay?“ (ouukeeiiiii...?) auf den Lippen liegt. Doch dann tue ich des Guten zu viel, indem ich, eingedenk der unsterblich pinken Reese Witherspoon in Hollywoods Intelligenzbestienmovie „Natürlich blond“, ein diskantstimmiges „Oh my God!“ (ohhhmaiiiigooooood!!!) intoniere. Sofort wendet sich mein Kollege, ein flammender Euroatheist, von mir ab. Ich sage noch kleinlaut: „Okay?“ Umsonst.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2011)















