25.05.2012 16:34 | Meine Presse Merkliste 0

An was allem die Amerikaner schuld sind: An allem, okay?

PETER STRASSER (Die Presse)

2012 steht uns eine Höllenfahrt mit den apokalyptischen Reitern Moody's, Standard & Poor's und Fitch bevor, okay?

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Bitte, ich weiß nicht hundertprozentig, was ich bin. Aber mein Kollege, der Amerikanist, der es in unserem schönen Land zu einer außerordentlichen Professur brachte, weil er antiamerikanischer Amerikanist ist, weiß, was ich bin. Auch ich bin, so mein Kollege, antiamerikanisch. Denn: „What else?“

Da ich nicht hundertprozentig weiß, was ich bin, weiß ich auch nicht hundertprozentig, was ich dazu sagen soll, dass ich antiamerikanisch bin. Aber das ist, sagt mein Kollege, okay. Worauf ich antworte: „Okay?“ Worauf er antwortet, dass die Amerikaner an allem schuld sind. Worauf ich antworte: „Okay?“ Worauf er antwortet, dass die Amerikaner daran schuld sind, dass Weihnachten nicht mehr ist, was es war: In Peter Roseggers Waldheimat wetzte man sich einst auf Holzbänken den Hosenboden blank, während mit roten Backen immerfort „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen wurde, bis man beim Schein der Laterne durch knietiefen Schnee der Mitternachtsmette entgegenwatete.

Worauf ich antworte: „Okay?“ Worauf er antwortet, dass die Amerikaner daran schuld sind, dass bei uns lauter Magerfettsüchtige herumlaufen; dass es keine Tradition mehr gibt, weil aus Tellerwäschern niemals Millionäre, sondern aus Billionären herumzigeunernde Mistkübelstierler werden; dass die Juden an der Ostküste mit Großbanken um sich schmeißen und dass Chicken McNuggets zu Österreichs Leibspeise geworden sind. Worauf ich antworte: „Okay?“

Bitte, da ich mich als Philosoph mehr in der Transzendenz als in der Welt auskenne, halte ich lieber meinen Mund, wenn mein Kollege seinen aufmacht, notabene, wo das Chicken-McNuggets-Menü – inklusive McPommes, McCola und den herrlichen McBagels hintennach – zu meinen Leibgerichten zählt. Wenn aber mein Kollege seinen Mund zwischendurch wieder zumacht, wartet er darauf, dass ich ihm, quasi als rhetorisches Schmieröl, die uramerikanische Kommunikationsermunterungsfrage stelle: „Okay?“ Das liest sich leicht, bedarf indessen eines phonetischen Trainings: „oukeiiii...?“ – mit einem gedehnten Fragezeichen am Schluss (fragen Sie mich nicht, wie man ein Fragezeichen dehnt, man tut es einfach). Gelingt mir die Lautung, legt mein Kollege gleich wieder los:

Man darf sich keinesfalls wundern, wenn in Nordkorea die vor Lebenslust strotzende Landbevölkerung, die als Feinschmeckerbonus ein bis zwei Mal im Leben ein Hühnerei verzehrt – nicht ohne dafür ihrem herrlich fettgepolsterten Führer mit hungerenthusiastischen Hymnen zu huldigen – den Antiamerikanismus bereits mit der Muttermilch schmatzend einsaugt, sofern die Mutter gerade Milch führt, was zu weiteren Hymnen auf die herrlich fettgepolsterte Führergottheit Anlass gibt.

Worauf ich antworte: „Okay?“ (oukeiiii...?). Außerdem wünsche ich heute meinem Kollegen einen guten Rutsch, weswegen er mir höhnisch lachend – „Guter Rutsch, hahaha, dass ich nicht lache!“ – antwortet, dass wir eine Höllenfahrt mit den apokalyptischen Reitern Moody's, Standard & Poor's und Fitch vor uns haben: „Bullshit 2012!“ Worauf mir, als Silvesterkommunikationsermunterungsbonus, bereits ein superultragedehntes „Okay?“ (ouukeeiiiii...?) auf den Lippen liegt. Doch dann tue ich des Guten zu viel, indem ich, eingedenk der unsterblich pinken Reese Witherspoon in Hollywoods Intelligenzbestienmovie „Natürlich blond“, ein diskantstimmiges „Oh my God!“ (ohhhmaiiiigooooood!!!) intoniere. Sofort wendet sich mein Kollege, ein flammender Euroatheist, von mir ab. Ich sage noch kleinlaut: „Okay?“ Umsonst.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2011)

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5 Kommentare
Gast: barra
30.12.2011 04:32
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probierens doch einmal: okee doke cheeta

und zwar so unsterblich süß wie die auch nicht gänzlich unpinke patricia arquette in true romance. ohne fragezeichen. das ist als dehnhilfe bei mehr als 3 silben nicht mehr nötig. (sie sagt natürlich nicht cheeta sondern clarence, aber sie spielt ja auch nicht peter strasser sondern alabama.)
und berichtens uns wie der antiamerikanist darauf reagiert hat.

Gast: tom green
29.12.2011 13:45
0 0

ouukaiii....

verehrter mister strasser, dehnen Sie das "oukeiii" auch noch so richtig steirisch?
vielleicht sogar noch mit der sogenannte kleinkleiner lautverschiebung? also "ouukaiii" -
und mich interessiert noch dazu - was kläfft ihr mops pauli dazu?
fletscht der die zähne, wenn er nur den begriff "amerikanische ostküste" hört?

Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
29.12.2011 19:27
0 0

Re: ouukaiii....

Bitte, das ist eine gedoppelte Beleidigung meines Pauls, der sich, erstens, in Niederungen, wo es sinnvoll wäre, die Zähne zu fletschen, erst gar nicht äußerln tragen lässt, und dem, zweitens, die Ostküste so lieb ist wie die Westküste, nämlich gar nicht, weil ja bekanntlich gleich hinter der Küste das sprichwörtlich nasse Element beginnt.
Da Sie, tom green (komischer Name), somit auch meine Gefühle tief verletzt haben, warte ich auf eine angemessene Entschuldigung, okay?

Ka_Sandra
28.12.2011 22:04
0 0

The ugly American & other ugly guys...

Kein Wunder, dass Sie den atheistischen Amerikanisten vergrätzt haben! Hätten Sie doch noch die Kurve gekratzt und wenigstens „oh my gosh!“ [gaaaaasch!] gefistelt, dann wär alles okay.

Ich hoffe, Sie merken sich diese Abfuhr und hüten sich nächstes Jahr, dem Kollegen „Merry Christ(!!!)mas zu wünschen! X-mas zählt ja bekanntlich bei dieser Sorte von euro-atheistischen Anti-Amerikanern zu den Four-letter-words und ist NO GO.

Ja, die Sprache ist ein Minenfeld. Eine Sekunde nicht aufgepasst, und schon tritt man voll in die Friteuse von McDonalds.

À propos amerikanisches Teufelszeug und Nord-Korea: Man munkelt, dass sich der feiste Kim Jong Un als Teenager in der Schweiz öfter mal einen Big Mac mit Coke als Snack zwischendurch genehmigte. Außerdem hatte er ein Faible für Baseball und Comics.

Na ja, zumindest hat er nicht wie sein älterer Bruder versucht, sich mit gefälschtem Pass ins Disneyland in Tokio zu schmuggeln. Peinlich, peinlich! Das Verbotene hat halt immer seinen besonderen Reiz.....

Gast: Beowulf"
28.12.2011 14:09
0 0

Antiamerikanismus

Strasser hat es wieder witzig auf den Punkt
gebracht. Danke !

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