Kennen Sie das? Kaum reden Sie von Ihrem Glück statt von Ihrem Unglück, glauben selbst Ihre besten Freunde, Sie würden im Gleichnis reden oder, bedenklicher, in Zungen. Ich kenne das. Neulich wollte ich meinen Freunden erzählen, dass mir akkurat am ersten Tag des neuen Jahres mein Glück zugeflogen sei. Da konstatierten die Neuhumanisten unter ihnen, indem sie philosophisch dreinschauten: „Aha, er redet im Gleichnis“, während die paar Althumanisten, die noch wissen, was es heißt, „in Zungen zu reden“, besorgt taten: „Oje, ojemine, jetzt redet er in Zungen, wir ahnten längst, dass er uns eines Tages überschnappt!“
Was ist das bloß, dass alle andauernd nur vom Unglück reden wollen? Früher habe ich diese Frage den Studierenden am Anfang meiner Vorlesung zur Philosophie der Lebenskunst gestellt. Dazu nickten die Studentinnen, wobei sie die Augen in Richtung ihrer maskulinisch dreinschauenden Kollegen verdrehten, die nämlich ihrerseits, nachdem sie meine Frage mit der ihrem Alter gemäßen Coolness ignoriert hatten, einander zutuschelten, als ob sie's gar nichts anginge, dass sie gerade in einer Vorlesung zur Philosophie der Lebenskunst säßen: „Der philosophiert wohl, oder...?“
Seither beginne ich meine Vorlesung zur Philosophie der Lebenskunst mit der Heidegger'schen Radikalfrage, warum überhaupt etwas sei und nicht vielmehr nichts – eine Erkundigung, die bei meinen Studentinnen (zwei Drittel) zu Kopfschütteln über den kindischen Unsinn des Heidegger'schen Fragens und bei meinen Studenten (ein Drittel) zu Geseufze über die metaphysische Fühllosigkeit des weiblichen Geschlechts führt.
Diese Intervention beflügelt mich, nachdem ich vom Amt für Gendermainstreaming bereits mehrmals abgemahnt wurde, meinerseits klarzustellen, dass die metaphysische Fühllosigkeit des weiblichen Geschlechts nicht weniger ein geschlechtsdiskriminierender Mythos sei als die empirisch bewiesene Annahme, dass Frauen beim Einparken reversieren müssten. Wo war ich gleich?
Ach ja, als ich am ersten Tag des neuen Jahres aus dem Fenster meiner Frühstücksecke schaute, da schaute mich von draußen, zerzaust und spitzknochig, ein Vogerl an, welches – ich habe keine Ahnung, wie es das machte – mir durch die Fensterscheibe zuwisperte: „Ich bin das Glück.“ Eingedenk des Gemeinspruchs „Das Glück ist ein Vogerl...“ dachte ich: „Jessas, das muss mein Glücksvogerl sein!“, und dabei räumte ich meine Orchideen, die gerade blühten, dass es die reinste Freude war, eilends vom Fensterbrett, um mein Fenster weit zu öffnen und das Vogerl unverzüglich einzulassen.
Schwupps, setzte es sich auf meinen bescheiden gedeckten Frühstückstisch und labte sich an meinem lauwarmen Milchmalzkaffee, in dem die Reste meines getunkten Magerbutterkipferls herumschwammen. Kaum war es gesättigt, fragte mich das Vogerl, ob ich es nicht ein wenig festhalten möchte, weil es doch so wenig festgehalten werde wegen des blöden Gemeinspruchs: „Das Glück ist ein Vogerl...“, und dabei müsse es, um glücklich sein zu können, doch festgehalten werden! Was soll ich sagen, ich hielt das Vogerl fest und drückte es zart, bis es sich plusternd gewärmt hatte an meinem Glück darüber, dass ich das Glück in meinen Händen hielt.
Und plötzlich war es wieder weg, ich weiß nicht, wohin; es ist eben ein Vogerl... Und so schloss ich an diesem ersten Tag des neuen Jahres glücklich mein Fenster und hob meine Orchideen zart aufs Fensterbrett zurück. Dort blühen sie, dass es die reinste Freude ist.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2012)















