25.05.2012 16:36 | Meine Presse Merkliste 0

Adorno, Jelinek und meine getigerten Schmetterlinge

PETER STRASSER (Die Presse)

Was können die Möchtegernverderber meiner Freude mir tun, solange die Orchideen auf meinem Fensterbrett blühen?

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Wie gesagt, die Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke blühen, dass es die reinste Freude ist. Da gibt es die Roten, die Rosaroten, die Weißen und die Violetten. Und dann gibt es die zwergwüchsig Gelben mit den braunen Flecken, die ich „meine getigerten Schmetterlinge“ nenne. Das ist, ich geb's gerne zu, sentimentaler Unsinn, der aber die Situation auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke präzise beschreibt, denn – ich kann mir nicht helfen – zum Fensterbrett meiner Frühstücksecke gehöre ich seit jeher mit dazu.

Also schrieb ich neulich bei passender Gelegenheit (das neue Jahr hatte gerade begonnen, der Chorus der Glückwünsche summte mir noch in den Silvesterohren), dass es die reinste Freude sei, meinen Orchideen beim Blühen zuzuschauen, wobei ich, um nicht gleich des sentimentalen Unsinns geziehen zu werden, vorsichtshalber verschwieg, dass ich die zwergwüchsig Gelben mit den braunen Flecken „meine getigerten Schmetterlinge“ nenne. Das erwies sich als zwecklos. Denn die – von mir gefürchteten – Möchtegernverderber meiner Freude wussten bereits über alles Bescheid, gerade so, als ob ich ihr Anführer wäre.

Da gab es die Kunstsinnigen, die aus ästhetischen Gründen dagegen polemisierten, Orchideen und Schmetterlinge zu vergleichen. Derlei sei schlicht sentimentaler Unsinn und darüber hinaus ein widerwärtig geschmäcklerisches Bild in einer Zeit wie der unsrigen, die nach ganz anderen Bildern verlange. Nach ganz anderen...! Hm, hm, schon klar, dass ich kein Vladimir Nabokov der poetischen Schmetterlingskunde bin. Was mich indes härter traf, war der Vorwurf jener, die sich auf Theodor W. Adorno, Jean Ziegler, Elfriede Jelinek etc. beriefen, um mir vorzuwerfen, ich ignorierte das Elend der Welt. Wenn es nämlich wahr wäre, dass es die reinste Freude sei, wie die Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke blühten, dann wäre es falsch, dass, laut Adorno, Ziegler, Jelinek etc., im falschen Leben kein richtiges möglich sei . . .

Hm, hm, mir blieb aber keine Zeit zum Nachdenken. Denn als parteilosen Altsozialisten traf mich der Vorwurf der ewigjungen Grünfraktion besonders hart, dass, bevor ich mich der Freude über meine getigerten Schmetterlinge hingebe, ich gefälligst das Bedenkliche bedenken sollte: Wie viel Energie benötigt man/frau, um all die Orchideen auf all die Festerbretter all der Frühstücksecken rund um den Globus zu verfrachten? Stichwort: globaler Klimawandel . . .

Hm, hm, doch ich kam nicht weit mit dem Bedenken des Bedenklichen. Denn jetzt waren es die Anhänger des Blaise Pascal, die mir meine Freude an meinen blühenden Orchideen zu verderben gedachten, und zwar unter Berufung auf Pascals „Schauder vor dem Schweigen der unendlichen Räume“: Ein schauderhaftes Schweigen, das von der Kosmologie laufend bestätigt würde. Am Ende, wenn trotz noch und nöcher dunkler Energie alles dem Kältetod entgegengeflogen sein werde (verflixte dunkle Materie!), würden meine getigerten Schmetterlinge vor Gottes Richtstuhl höchstens als sentimentaler Unsinn durchgehen . . .

Hm, hm, was soll ich sagen? Mir können die Möchtegernverderber meiner Freude nichts tun, solange die Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke blühen, dass es die reinste Freude ist, oder? Ach, bald werden sie abgeblüht sein! Dann heißt es, geduldig zu warten, bis sie erneut anfangen, Knospen zu treiben, und – sentimentaler Unsinn, ich geb's gerne zu – auch meine getigerten Schmetterlinge wieder erblühen.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2012)

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3 Kommentare
Gast: uncle meat
16.01.2012 16:40
0 0

was hätte Kreiler wohl dazu gesagt...

Blumengießer!

Antworten Ka_Sandra
17.01.2012 18:36
0 0

Re: was hätte Kreiler wohl dazu gesagt...

Aha, und Sie gehören offensichtlich der Fraktion der Kaltduscher und Stehpinkler an ;-)

Gast: Lepidopterologin
11.01.2012 16:16
0 0

.

Lieber Herr Strasser,

um Ihnen die Freude an Ihren Orchideen länger zu erhalten und den Möchtegernverderbern die Freude am Verderben zu verderben, gebe ich Ihnen gerne den Tipp eines Orchideenliebhabers weiter, der meine sterbenden Schmetterlinge vor dem Tod gerettet hat:

Einmal pro Woche die zarten Pflänzchen für 15 Minuten in lauwarmes Wasser, dem ein paar Tropfen Orchideendünger zugefügt werden, stellen, gut abtropfen lassen und vor allem Staunässe vermeiden (also raus aus dem Übertopf!) und Ihre Orchideen erfreuen Sie das ganze Jahr über mit blühender Pracht.

Und der Geheimtipp: bei Gewitter Fenster öffnen und die Schmetterlinge auf die Fensterbank stellen :)

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