25.05.2012 16:36 | Meine Presse Merkliste 0

Keine Angst vor Staunässe beim nächsten Weltuntergang

PETER STRASSER (Die Presse)

Der Geheimtipp zur Apokalypse: Bei Gewitter Fenster öffnen und die Schmetterlinge sanft auf die Fensterbank heben...

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Ach ja, und dann tauchten unter den Möchtegernverderbern meiner Freude – neben den Adornos, Zieglers, Jelineks etc. („es gibt kein richtiges Leben im falschen“), den ewigjungen Grünen („globaler Klimawandel“) und den Anhängern des Blaise Pascal („das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern“) – plötzlich, mit apokalyptischen Fanfarenstößen, die Wissenden des Maya-Kalenders auf, der, obwohl ihn keiner versteht außer zwei, drei toten Mayalogen, dennoch zweifelsfrei prophezeit, dass die Welt am 21. 12. 2012 untergeht.

Die Wissenden des Maya-Kalenders werfen mir nichts Geringeres als Apokalypsenblindheit vor. Das trifft mich hart. Der Grund, den sie gegen mich anführen: Ich habe mich öffentlich zu den Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke bekannt, indem ich geschrieben habe, dass es die reinste Freude sei, ihnen beim Blühen zuzuschauen, wobei ich entzückt einbekannt habe, die kleinen Gelben mit den braunen Flecken „meine getigerten Schmetterlinge“ zu nennen. Daraufhin wurde mir von den diversen Fraktionen der Möchtegernverderber meiner Freude vorgeworfen, mich mitten im schauderhaft ewigen Schweigen der unendlichen Räume und ungeachtet des falschen Lebens, welches in Zeiten des globalen Klimawandels unausweichlich das unsere ist, schamlos dem sentimentalen Unsinn hinzugeben.

Und nun auch noch das: Man wirft mir Apokalypsenblindheit vor! Dabei bin ich, seitdem ich denken kann, passionierter Apokalyptiker. Denn seitdem ich denken kann, denke ich: „Mein Gott, wie rasch die Zeit vergeht!“ Daher denke ich, seitdem ich denken kann, dass ich schleunigst mit dem Denken aufhören und mich der Freude hingeben sollte, vorzüglich jener, die mir von den hellauf blühenden Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke bereitet wird, am reinsten von meinen getigerten Schmetterlingen.

Denn seien wir ehrlich, Ende ist ja immer schon. Die Gegenwart? Ein Flatus vocis! Stets hat sie bereits aufgehört zu existieren, sobald sie erst zu werden beginnt. Da aber immer schon Ende ist, wäre es pure Zeitverschwendung, wollte ich mir vom nächsten Weltuntergang die Freude an meinen Orchideen verderben lassen. Allerdings soll, laut der Wissenden des Maya-Kalenders, beim Weltuntergang – ungeachtet der pausenlos vom Himmel fallenden toten Frösche – die Staunässe zur chronischen Plage werden. Das passt mir gar nicht, seit mir die Online-Lepidopterologin mit dem Gastnamen „Lepidopterologin“ am 11.1.2012 um 16.16 Uhr folgende Nachricht zukommen ließ:

„Lieber Herr Strasser, um Ihnen die Freude an Ihren Orchideen zu erhalten und Ihren Möchtegernverderbern die Freude am Verderben zu verderben, gebe ich Ihnen den Rat eines Orchideenliebhabers weiter, der meine sterbenden Schmetterlinge vor dem Tod rettete: Ein Mal pro Woche die Pflänzchen für 15 Minuten in lauwarmes, mit ein paar Tropfen Orchideendünger angereichertes Wasser stellen, abtropfen lassen und – vor allem – Staunässe vermeiden. Ihre Orchideen erfreuen Sie dann das ganze Jahr mit blühender Pracht. Mein Geheimtipp: Bei Gewitter Fenster öffnen und die Schmetterlinge sanft auf die Fensterbank heben!“

Jetzt kann ich trotz der prophezeiten Staunässe – und ungeachtet der pausenlos vom Himmel fallenden toten Frösche – den nächsten Weltuntergang gar nicht erwarten. Denn ab dem 21.12. 2012 soll es, laut der Wissenden des Maya-Kalenders, recht gewittrig werden. Also, wenn's so weit ist, Fenster auf! Ende ist zwar immer, doch nicht jeden Tag Weltuntergang.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)

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4 Kommentare
Ka_Sandra
17.01.2012 23:07
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„Ach wie flüchtig, ach wie nichtig...“ BWV 26


Mag auch die Gegenwart lediglich ein flüchtiger Flatus sein - die Stürme, die uns im Zuge des Weltunterganges am 21. 12. 2012 voraussichtlich hinwegfegen werden, sind nach Meinung führender Maya-Apokalyptologen keineswegs ein Lercherlschas, deshalb kann man nur jedem raten: CARPE DIEM!!!

Freut euch jeden Morgen in eurer Frühstücksecke des Lebens und, so ihr welche besitzt, eurer Orchideen am Fensterbankerl!

Und den zahlreichen Möchtegernverderbern der Freude sei tadelnd ins Stammbuch geschrieben, sie mögen sich ihrer Überheblichkeit schämen!

Was die prophezeite drohende Staunässe betrifft, so möchte ich auf folgenden Link verweisen, der das genaue Gegenteil zum Ausdruck bringt und überdies – so hoffe ich – unserem Hobby-Abyssologen Strasser gefallen wird, dem es nie abgründig genug sein kann:

http://www.youtube.com/watch?v=Qy24cNNknU0

"So schnell ein rauschend Wasser schießt,
so eilen unser Lebenstage.
Die Zeit vergeht, die Stunden eilen,
wie sich die Tropfen plötzlich teilen,
wenn alles in den Abgrund schießt."

Guten Rutsch, nachträglich ;-)

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Re: „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig...“ BWV 26

Danke für den Link zur Bach-Kantate! Und Sie haben wie immer recht: Ich kann mir eigentlich auch keinen anständigen Weltuntergang vorstellen, bei dem nicht als Hintergrundmusik pausenlos Bach zu hören wäre. LG, ps

Antworten Antworten Gast: silens
19.01.2012 13:04
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Re: Re: „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig...“ BWV 26

Wie es umgekehrt vielleicht auch, geht man nach dem Gedicht "Die Stille der Welt vor Bach" von Lars Gustafsson, zwar eine Welt vor Bach gegeben haben muss, "aber was war das für eine Welt"?
Zur Pascalschen Pensée vielleicht am Rande: es ist vermutlich kein Trost, aber die 'absolute' Stille da draußen kann ohnedies kein Mensch wahrnehmen bzw. erfahren, solange er lebt (zum Glück!; schwieriger wird es freilich, wenn man sie in jenem anderen Sinn versteht). Vielleicht Leonores Florestan in seinem Verließ, doch wäre jener Zustand gleichsam eine Vorwegnahme 'vor der Zeit' und ist nur durch die Mittel der Kunst darstell- und verwirklichbar.
Und solange es noch "getigerte Schmetterlinge" wie die Ihrigen gibt, darf man wohl der kommenden Gegenwart getrost entgegen sehen! Zwar ist einerseits, wie Sie sagen, Ende immer, andererseits aber - ich musste gerade an Hofmannsthals "Brief" denken: "und wenn mich diese Gießkanne und das Wasser in ihr, das vom Schatten des Baumes finster ist, und ein Schwimmkäfer, der auf dem Spiegel dieses Wassers von einem dunklen Ufer zum andern rudert, wenn diese Zusammensetzung von Nichtigkeiten mich mit einer solchen Gegenwart des Unendlichen durchschauert [...]".

Antworten Antworten Antworten Gast: peter.strasser@uni-graz.at
19.01.2012 14:53
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Re: Re: Re: „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig...“ BWV 26

Ja, eh, das Blöde für den armen Hascher im "Brief" ist nur, dass, nachdem ihn die Gegenwart des Unendlichkeiten angesichts einer Egge am Feld (etc.) tiefmystisch durschauerte, er in die tiefste, opake, vollends sprachlose Depression verfällt. Da ist mir doch meine Freude im Anblick meiner getigerten Schmetterlinge weniger risikoträchtig. LG, ps

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