Ach ja, und dann tauchten unter den Möchtegernverderbern meiner Freude – neben den Adornos, Zieglers, Jelineks etc. („es gibt kein richtiges Leben im falschen“), den ewigjungen Grünen („globaler Klimawandel“) und den Anhängern des Blaise Pascal („das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern“) – plötzlich, mit apokalyptischen Fanfarenstößen, die Wissenden des Maya-Kalenders auf, der, obwohl ihn keiner versteht außer zwei, drei toten Mayalogen, dennoch zweifelsfrei prophezeit, dass die Welt am 21. 12. 2012 untergeht.
Die Wissenden des Maya-Kalenders werfen mir nichts Geringeres als Apokalypsenblindheit vor. Das trifft mich hart. Der Grund, den sie gegen mich anführen: Ich habe mich öffentlich zu den Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke bekannt, indem ich geschrieben habe, dass es die reinste Freude sei, ihnen beim Blühen zuzuschauen, wobei ich entzückt einbekannt habe, die kleinen Gelben mit den braunen Flecken „meine getigerten Schmetterlinge“ zu nennen. Daraufhin wurde mir von den diversen Fraktionen der Möchtegernverderber meiner Freude vorgeworfen, mich mitten im schauderhaft ewigen Schweigen der unendlichen Räume und ungeachtet des falschen Lebens, welches in Zeiten des globalen Klimawandels unausweichlich das unsere ist, schamlos dem sentimentalen Unsinn hinzugeben.
Und nun auch noch das: Man wirft mir Apokalypsenblindheit vor! Dabei bin ich, seitdem ich denken kann, passionierter Apokalyptiker. Denn seitdem ich denken kann, denke ich: „Mein Gott, wie rasch die Zeit vergeht!“ Daher denke ich, seitdem ich denken kann, dass ich schleunigst mit dem Denken aufhören und mich der Freude hingeben sollte, vorzüglich jener, die mir von den hellauf blühenden Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke bereitet wird, am reinsten von meinen getigerten Schmetterlingen.
Denn seien wir ehrlich, Ende ist ja immer schon. Die Gegenwart? Ein Flatus vocis! Stets hat sie bereits aufgehört zu existieren, sobald sie erst zu werden beginnt. Da aber immer schon Ende ist, wäre es pure Zeitverschwendung, wollte ich mir vom nächsten Weltuntergang die Freude an meinen Orchideen verderben lassen. Allerdings soll, laut der Wissenden des Maya-Kalenders, beim Weltuntergang – ungeachtet der pausenlos vom Himmel fallenden toten Frösche – die Staunässe zur chronischen Plage werden. Das passt mir gar nicht, seit mir die Online-Lepidopterologin mit dem Gastnamen „Lepidopterologin“ am 11.1.2012 um 16.16 Uhr folgende Nachricht zukommen ließ:
„Lieber Herr Strasser, um Ihnen die Freude an Ihren Orchideen zu erhalten und Ihren Möchtegernverderbern die Freude am Verderben zu verderben, gebe ich Ihnen den Rat eines Orchideenliebhabers weiter, der meine sterbenden Schmetterlinge vor dem Tod rettete: Ein Mal pro Woche die Pflänzchen für 15 Minuten in lauwarmes, mit ein paar Tropfen Orchideendünger angereichertes Wasser stellen, abtropfen lassen und – vor allem – Staunässe vermeiden. Ihre Orchideen erfreuen Sie dann das ganze Jahr mit blühender Pracht. Mein Geheimtipp: Bei Gewitter Fenster öffnen und die Schmetterlinge sanft auf die Fensterbank heben!“
Jetzt kann ich trotz der prophezeiten Staunässe – und ungeachtet der pausenlos vom Himmel fallenden toten Frösche – den nächsten Weltuntergang gar nicht erwarten. Denn ab dem 21.12. 2012 soll es, laut der Wissenden des Maya-Kalenders, recht gewittrig werden. Also, wenn's so weit ist, Fenster auf! Ende ist zwar immer, doch nicht jeden Tag Weltuntergang.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)















