Von der Kulturzeitschrift „Quart“, die soeben ihr zehnjähriges Erscheinen feiert, wurde ich gefragt, was für mich, Jahrgang 1950, rückblickend auf das erste Jahrzehnt dieses ersten Jahrhunderts des neuen Jahrtausends besonders einprägsam gewesen sei. Hier meine Antwort als Gratulationsgruß eines Pragmatisierten aus seiner bescheidenen Frühstücksecke: Weder Tsunami noch Ölpest, weder der Tod des Terrorpaten noch das Aufsprießen des Pflänzchens Arabischer Frühling, weder der Klimawandel noch die Wirtschaftskrise sind mir, ehrlich gesagt, besonders nahegegangen. Und dass erst kürzlich der siebenmilliardste Mensch geboren wurde? Auch nicht. Das für mich einprägsamste Ereignis der letzten zehn Jahre war, dass ich um zehn Jahre älter geworden bin.
Tatsächlich ist alles, was man nach einem halben Jahrhundert abgelebter Lebenszeit tut oder lässt, von dem überschattet, was nicht mehr vor einem liegt. Früher hatte ich mich, bei durchschnittlich kritischer Einstellung, in die nachrichtentauglichen Ereignisse des Tages miteinbezogen gefühlt. Nun aber begann ich derlei Ereignisse unter dem Aspekt zu sehen, dass sie Teile eines Menschheitsgeschehens waren, in welches ich nicht nur denkend hineingewachsen war, sondern aus welchem ich, über kurz oder lang, dabei war, wieder auszutreten.
Nein, ich wurde keineswegs zu einem, der die teils erstaunlichen, teils schockierenden Tatsachen des jungen Jahrhunderts gleichsam dadurch entwertete, dass er auf sie das nivellierende Licht seines persönlichen Memento mori fallen ließ. Schließlich habe ich meine Lieben um mich (meinen Vollmops Paul, meine Meerschweinchen Fritzi & Fratzi, meinen Freund, den Trottel,...).
Und doch, was mich stärker denn je beschäftigte, war die womöglich witzlose Erkundigung, wozu das Ganze – der ganze Welttumult, der winzige menschliche Rumor im aufgedonnert kosmischen Spektakulum – eigentlich gut sein sollte. Zugegeben, eine typisch Altersfrage. Infolge meines Hanges, mir ungesunde Gedanken zu machen, hatte ich mir einst die Frage abstrakt philosophisch gestellt. Jetzt war sie zu meiner höchstpersönlichen Angelegenheit geworden. Mein Blick nach draußen glitt zunehmend an den Aufmerksamkeit heischenden Details ab.
Nicht, dass es mir plötzlich am eingeübten Mitgefühl mit den ewigen Opfern – den Verlorenen und Randständigen – gefehlt hätte; nicht, dass ich zu einem Verächter menschlicher Erfolgsgeschichten geworden wäre. Bloß fühlte ich in ihnen, als mich äußerlich berührende Gestalten und Gestaltungen, immer weniger jene Tiefe, die mein zunehmendes Verlangen nach Bedeutung hätte befriedigen können. Der Weltmaßstab an sich war keine Instanz, eher schon waren es die intimen Lichtwinkel meines Lebens.
Und so wurde für mich in den vergangenen zehn Jahren dieses Jahrhunderts des neuen Jahrtausends mancherlei zum einprägsamen Ereignis, das der Chronik der laufenden Ereignisse entging: zum Beispiel die Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke, die Jahr für Jahr ihre Schönheit entfalten. Darin schien sich mir mehr denn je eine Wahrheit aufzutun, die in der Weltgeschichte einzig als verschüttete existiert. So viel an Leid, Schweiß, Erregung und Verlust, und alles umsonst – es sei denn, da wäre eine untergründige Verbindung, gewissermaßen ein urschriftlicher Vertrag, zwischen dem Abgetanen und Toten, worüber rasch das Gras des Vergessens wächst, und dem zeitlosen Wunder der blühenden Orchideen auf meinem Fensterbrett...
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2012)















