25.05.2012 16:40 | Meine Presse Merkliste 0

Das biblische Alter, mein Gott, das ist sein Traum!

PETER STRASSER (Die Presse)

Da draußen, wo die getigerten Schmetterlinge erblühen, dass es die reinste Freude ist, da lebt sein Traum: 969.

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Das biblische Alter, mein Gott, das war sein Traum. Nein, das ist sein Traum! Manche wollen ans Ende des Universums reisen, andere darüber hinaus und wieder zurück in Abrahams Wurstkessel. Jeder will im Geheimen irgendetwas, was er nicht kriegt. Und sei es bloß, dass, wenn du abends von der Arbeit nach Hause kommst, dich, statt der kaltstaubigen Düsternis, eine liebende Frau empfinge, samt der kleinen Schar dich liebender Kinder, damit man gemeinsam plaudernd und plappernd ein Abendmahl einnehmen möge, bevor sich das erste Gähnen regt und sich die müden Glieder ins weich gemachte Bett hineinsehnen, hin zu dem weichen warmen Körper neben dir . . .

Er dagegen, an dessen Bett ich nun als Gratulant stehe, wollte immer nur eines: das biblische Alter erreichen, mein Gott! Er hatte längst vergessen, wie alt er werden müsste, um das biblische Alter zu erreichen, egal. Methusalem – wer war das? Es wird ihm gleich wieder einfallen, ein Urenkerl vielleicht, die tragen heute komische Namen, Miraculix oder Schiva, die alle irgendwie kosmisch klingen. Nicht schlecht im Grunde, das Kosmische, oder? Aber ihm, um dessen maschinengepanzertes Bett sich die Schläuche winden wie die Schlangen um die nach Atem ringenden Laokoons, war das Kosmische zwar nicht ausgesprochen gleichgültig, aber nur das Biblische so richtig ans Herz gewachsen.

Sein sklerotisches Herz pumpt ihm eine Zahl in sein verharztes Gehirn: 969. Und jetzt geht da drinnen ein Türl auf, ein Sauerstofftürl, um aus dem rundum ausgetrockneten Zerebralsumpf einen Gedanken flattern zu lassen: Methusalem, Bibelältester, 969 Jahre lang auf Erden gewandelt. Ich stehe da und sage: „Herzlichen Glückwunsch!“, gratuliere hinein in die faltenlos gespannten Laken, aus denen mir ein Augenpaar entgegenblickt, das Weiße rund um die Pupillen sonnengelb geworden, dazwischen Braungesprenkeltes.

Ich kann mir nicht helfen, dieser Mensch, der bereits tot ist (man hat dem Jubilar die Kinnlade bis hinauf zu den Backenknochen mit Klebeband befestigt, damit, falls sein Kopf zur Seite rollt, der Unterkiefer nicht unschön aus dem Gesicht kippt), träumt tief drinnen im Herzen seinen tiefen Herzenstraum: Das biblische Alter, er will es erreichen, mein Gott, er wird es erreichen, halleluja! Und siehe, die Augen, die mich seelenvoll anschauen, ohne mich zu sehen (längst ist der Alte blind), erinnern mich – ach! – an meine Lieblingsorchideen auf dem Fensterbrett meiner bescheidenen Frühstücksecke: an die kleinen Gelben mit den braunen Flecken, die ich „meine getigerten Schmetterlinge“ nenne.

Neunhundertundneunundsechzig Jahre alt zu werden, was für ein großartig grotesker Traum! Eines Urwaldriesen würdig und zugleich ephemer unter den Schläuchen zwischen dem faltenlosen Linnen, das der glatt gestrichene, betonglatte Tod ist. Der Alte feiert seinen 99er, das sollte, denkt man, biblisch genug sein für ein Menschenleben. Und doch, man darf darauf wetten – darf man? –, dass es zwischen den galaktisch verharzten Urwäldern seines Gehirns wispert: „Es ist genug.“

Freilich, das ist nur die Innenwelt. Da draußen, in der Außenwelt der Innenwelt der Außenwelt, wo die getigerten Schmetterlinge erblühen, dass es die reinste Freude ist, da lebt sein Traum: 969. Oder war's 696? Egal, ich seh's seinen Augen an, die mich nicht sehen: Der Alte träumt vom biblischen Alter, wie unsereiner kleinmütig darauf setzt, es hoffentlich niemals zu erreichen.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2012)

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2 Kommentare
Gast: pensionär
06.02.2012 10:17
0 0

Sehr nett zu lesen

Hengstschläger, Markus
Endlich unendlich (Und wie alt wollen Sie werden?)
Ecowin Salzburg 2008

Ka_Sandra
02.02.2012 19:02
1 0

Diesmal also von den allerletzten Dingen,...

...die sich zu einem Alptraum ad infinitum auswachsen, wenn sich Menschen an der Schwelle des Todes aus nicht nachvollziehbaren Gründen an ihre kümmerliche Existenz krallen und nicht loslassen wollen oder können.

Was, wenn man sich erbarmte und dem dahindämmernden Jubilar in einem halbwegs lichten Moment ins Ohr wisperte „Alles Gute zum 969. Geburtstag, lieber Methusalem!“ ?

Wer weiß, vielleicht könnte sich seine Seele endlich aus der hinfälligen Hülle lösen, würde sich wie ein fertiggeträumter Schmetterling aus dem brüchigen Kokon befreien und selig-taumelnd dem Kosmos entgegenflattern?

Manchmal sind Notlügen das beste Geburtstagsgeschenk.

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