Ich hatte mich als Gratulant eingestellt, zunächst beschämt, nur den Tod im glattgestrichenen Laken knistern zu hören. Dann aber vermeinte ich das flammende Herz zu hören, das gegen die Schwerkraft anpochte. Als ich, nach einer gebührenden Zeit des Ausharrens, den Alten wieder verließ, der, gerade 99 geworden, umringt von Schläuchen im maschinengepanzerten Spitalsbett davon träumte, das heiß ersehnte biblische Alter zu erreichen, da spürte ich, den Fuß auf der Schwelle, hinter mir ein Aufrichten, gewaltig, eines Wüstenriesen würdig. Und dann die Stimme, die ich nie mehr vergessen werde – die Stimme eines Stentors, der, von Laokoons Schlangen gewürgt, krächzend standhält: „Henoch, 365! Lamech, 777! Mahalalel, 895! Enosch, 905! Kenan, 910! Set, 912! Adam, 930! Noach, 950! Jered, 962! Metuschelach, 969!“
Ja, das Wüstenriesenhafte dieses Alten, der schon an der Schwelle zur Scheol stand, spann die noch verbleibenden lichten Momente aus. Sie tanzten vor seinem inneren Auge, dem Auge seiner Urväterseele, gleich den Spinnfäden altweibersommerseliger Parzen in einem goldenen Licht. Nach dorthin wollte er, in das Goldene Zeitalter der Patriarchen, die an nie versiegenden Brunnen lagerten, deren Kühle das Blau unvergänglicher Äonen bewahrte; Brunnen, deren Wasser den Gaumen mit der Süße wildknospender Frühlinge netzte, eingefangen in den irdenen Krügen der Wasserträgerinnen mit den schwarzerdigen Augen, die von Tälern voller Milch und Honig, von Mannaplantagen und brennenden Dornbüschen kündeten.
Was sind wir doch für Kleingeister, Eintagsfliegen der plappernden Zeit, Sklaven des Augenblicks! So dachte ich, mich gegen das Zeitige in mir stemmend – es war der Tag des Ewiggestrigenballs der geballten großdeutschösterreichischen Ewiggestrigensociety –, während ich, der nichtige Gratulant, die Türe des 99-Jährigen, der sich blind, doch mit flammendem Herzen dem biblischen Alter entgegenträumte, hinter mir schloss. Was sind wir für Nichtse, dachte ich, hinaustretend in den Lärm der Antifa-Chöre. Narren des Tages, gewiss.
Wir gönnen es unseren Ewiggestrigen nicht, dass sie auf ihrem großdeutschösterreichischen Ewiggestrigenball, vor dessen Toren eine Antifa-Demonstration lärmt, sich laut eigener Bekundung fühlen wie die Juden während jener arischen Belustigungsveranstaltung, die partout nicht mehr „Reichskristallnacht“ genannt werden darf. Wo doch der Name glitzert, als ob er von der einst reibungslos in das gewaltige Wirtschaftsräderwerk Großdeutschlands eingegliederten Glitzerdynastie stammte, mit deren Steinen manch unschuldiges Ballkleid geschmückt war, dessen Trägerin sich nun regelrecht beschnitten fühlte.
Beschnitten, jawohl beschnitten, und zwar in ihrem unverbrüchlichen Recht, die rauschende Ballnacht Großdeutschösterreichs mit alten Herren und jungen Füchsen durchtanzen zu dürfen, ohne vor Angst schlottern zu müssen wegen der lärmenden Antifa-Demonstration, die es womöglich auf die unschuldigen Kristalle abgesehen hatte, die an den reichskristallnächtigen Trägerinnen hier drinnen herumbaumelten, wo unter den korkenknallenden Kavalieren bereits die hellste Verfolgtenschampuslaune sprudelte...
Da dachte ich bei mir, wie ich, ein parteilos pragmatisierter Altsozialist, nach Hause ging an diesem eiskalten Abend, meiner Wärmflasche entgegen: Besser ein bettwarmes Nichts unter den Narren des Tages als ein schlotternder Tausendjähriger! Ich bin mir sicher, die biblischen Patriarchen hätten mir zugestimmt.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)















